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Texte / ReportagenVergessen und versteckt: Wrackteile in Sassnitz? "Wieso soll das Museum für Unterwasserarchäologie keinen Leiter mehr haben? Der Leiter bin ich!" So äußerte sich Dr. Friedrich Lüth, der frühere Direktor des Landesamtes, nach Auslaufen der Verträge von Aufbaudirektor Hanz-Günter Martin. Seit fast fünf Jahren ist der Glasbahnhof trotz Sanierung und seiner konzeptionellen Einzigartigkeit geschlossen. Die neue Brücke würde die Besucher direkt ins Museum schwemen. Sassnitz. (ostSeh) Dr. Hanz-Günter Martin erinnert sich: "Wenn ich an die Stimmung und die Atmosphäre im Museum des Jahres 2004 denke, so kann ich davon nur ein positives Bild zeichnen. Soweit es Sassnitz und Rügen betrifft. Die Besucherzahlen waren in den drei Jahren davor kontinuierlich gestiegen und wir blieben auch 2004 im Trend. Es waren nicht die Riesenzahlen des U-Boots, aber wir profitierten deutlich. Der Umbau der Gellen-Kogge in eine Art Unterwasserinszenierung war abgeschlossen und fand bei den Besuchern Anklang. Martin hatte 2002 einen Masterplan, erstellt, der in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollte. Die Gellenkogge war ja schon realisiert worden, es sollte ein Ralswiek-Boot aufgebaut werden und auf der großen freien Fläche im Untergeschoss die Rekonstruktion der Poeler Kogge stehen. Von ihr ist der gesamte Boden erhalten. Laut Martin war das so angedacht, dass man auf Stegen in, bzw. über der Kogge laufen konnte. Also Schiffe im Untergeschoss und oben die Funde daraus. "Da gab es schon Funde zur Mynden und zur Auguste und weiteren fünf bis sechs Schiffen, die rund um Rügen gefunden worden waren. Dies sind die groben Linien des Ausbaus, der leider nicht weiter als bis zum Anfang der Rekonstruktion des Ralswiek-Bootes gediehen ist." Das zwischenzeitlich wärmeisolierte Café und der Museumshop hätten für Events herhalten können. Dies hatte sich zuvor schon eingespielt, wenn etwa die Segler des Four Corners Race ihren Empfang im Museum machten oder die Stadt die Architekturwettbewerbsausstellung zum Hafenumbau dort veranstaltete. Aufbruchsstimmung also vor Ort. "Das alles wurde von Schwerin, sprich dem zuständigen Landesamt immer wieder behindert und ausgebremst", so Martin. Sorgen machen Hanz-Günter Martin die Exponate, besonders die Schiffshölzer, die in Sassnitz liegen. Die Hölzer der Gellenkogge seien damals täglich mit einer PEG-Lösung besprüht worden. Von der Restauratorin sollten in regelmäßigen Abständen Proben gezogen werden um festzustellen, wie weit das PEG in die Spanten und Planken bereits eingedrungen ist. "Ich bezweifle, dass diese Tests in den letzten Jahren durchgeführt wurden. Ob das Wrack weiter besprüht wird, weiß ich nicht. Auch die Hölzer des Ralswiek-Bootes liegen, so weit ich weiß, immer noch in den damals eigens dafür aufgestellten Regalen, wo sie allerdings gelegentlich dem prallen Sonnenlicht ausgesetzt sind. Die Hölzer sind an sich fertig konserviert. Pralles Sonnenlicht und die damit verbundene Hitze schadet ihnen jedoch, weil das Kunstwachs sich dann wieder verflüssigt. Gute Chancen für eine gute Zukunft des Museums gibt Martin diesem noch heute, verhehlt jedoch auch seine Wut nicht, dass alle Mitarbeiter der Abteilung Unterwasserarchäologie beim Landesamt damals am ausgestreckten Arm verhungert seien. "Und es gilt für das Museum wie für fast alle Kulturprojekte: Aufbau und Positionierung sind mühsam und langsam, kaputt geht es schnell." Auch der Unterwasserarchäologe Dr. Thomas Förster sorgt sich sehr um die Exponate. Das gut erhaltene Ralswiekboot sei in Einzelteilen 2000/2001 nach Sassnitz gebracht und dort für alle Besucher sichtbar in einem Regalsystem gelagert. Die Teile waren Minusgraden und direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt, so dass das PEG nach und nach austrat, sich die Teile verformten und sich weitere Trocknungsrisse bildeten. "Ich habe mehrfach im Amt auf diesen Zustand hingewiesen. Der damalige Leiter des Museums, Dr. Hanz-Günter Martin, unterbreitete Friedrich Lüth verschiedene Vorschläge zum Aufbau des Bootes, die sich im Wesentlichen an den Roskilder Booten orientierten. Sie wurden abgelehnt oder gar nicht beachtet!" Der Dezernatsleiter Archäologie im Landesamt, Dr. Detlef Jantzen äußerte sich auf Nachfrage zu den in Sassnitz eingelagerten Schiffsfunden: "Im Museum für Unterwasserarchäologie befinden sich Teile des Ralswiek-Schiffes, die seinerzeit fachgerecht konserviert worden sind. Sie befinden sich in stabilem Zustand. Das gleiche gilt für das Gellenwrack. Beide werden regelmäßig durch einen Restaurator begutachtet. Ein Verfall ist nicht zu befürchten und die extremen Verhältnisse sind durch die zwischenzeitlich mögliche Temperierung des Gebäudes aufgehoben. Frost und Feuchtigkeit kommen nicht mehr hinein. Durch die eingebaute Dämmung fallen auch die Temperaturspitzen deutlich geringer aus. Ein ‚Ausschmelzen’ des PEGs ist unter diesen Voraussetzungen nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht zu befürchten. Zur Sicherheit findet in regelmäßigen Abständen eine restauratorische Kontrolle statt. Sollten sich Anhaltspunkte für Probleme ergeben, werden wir natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen." Ebenfalls in Sassnitz, aber in einer Halle eingelagert, befänden sich Teile der Poeler Kogge. Diese seien mit PEG getränkt und dadurch inzwischen auch in stabilem Zustand. "Ein Verfall ist auch hier nicht zu befürchten." Beim Stichwort Ralswiekwracks landet man last but not least unweigerlich bei deren Entdecker von 1967, dem Archäologen und Prähistoriker Peter Herfert. Drei Wracks mit ältester erforschter Datierung des Jahres 977 hatte er damals in zehn Zentimeter Tiefe unter Wasserspiegel südlich in Ralswiek gefunden. Weil Archäologen alle Grabungen zusammen mit dem Schulleiter Günter Bovensiepen in Ralswiek aufmerksam begleitet hatten. © 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN INFO Ralswiek war das wirtschaftliche Zentrum der Ranen. Begünstigt fast in der Mitte Rügens durch seine Lage an einer sicheren und geschützten Binnenküste. Noch vor einem halben Jahrhundert wusste niemand, welche Schätze dort schlummerten. Erst 1963 wurde bei der Erforschung des Hügelgräberfeldes in den Schwarzen Bergen auf weitere Funde abgehoben. Mehr als 400 Grabhügel befinden sich auf den Anhöhen und Hängen. Von 1972 bis 1986 wurden mehr als 300 davon ausgegraben. Die zugehörige große Siedlung, die mehr als neun Hektar bebauter Fläche einnahm, befand sich in der heutigen Ortslage auf einem Strandwall, dreiseitig vom Wasser umgeben. Den Grundriss der Siedlung mit Hafenbuchten, Kultstätte und den Fundstellen der vier Bootswracks liegt südlich. Die Blütezeit des Seehandelsplatzes lag im Zeitraum zwischen 750 und 1150 (kurz vor der Christianisierung).
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