leer

ostSeh redaktionsbureau & verlag
sehen und schreiben - bild und text

ostseh redaktionsbureau & verlag

andreas küstermann
18569 g i n g s t / rügen - teschvitz 4
fon 03 83 05 / 600 13 - fax 03 83 05 / 600 14 - funk 0171 / 525 40 76 - kuema@ostseh.de

leer
leer
leer

 

Texte / Reportagen

Aus dem Nebel am Bollwerk aufgetaucht

zur BildergalerieLohme Barth. Die Barther Kirchenglocken läuten den Sonntag ein. Durch das Tor der Schiffswerft passiert eine kleine Gruppe einen Raddampfer im Retro-Look. Bootsfrau Anja Lawatsch bewundert dessen Bugstrahlruder. Sie ist Miteigentümerin des echten Oldtimers MS Lamara und an mit Kapitän Heiner Olbert auf Tour. Das Motorschiff Lamara soll wieder an seinen Stamm-Liegeplatz Baaber Bollwerk auf Rügen überführt werden. "Als das Unterwasserschiff fertig war, kam das Eis. Die neue Farbe wollten wir da nicht riskieren", sagt Olbert zur langen Werftzeit. SUK hat das Schiff bekommen. Das ist der Schiffstüv. Und wie das so ist bei einem fünfzigjährigen Oldtimer, ging es um Details. "Als die Ruderwelle, bisher aus Stahl, wegen ein paar Millimeter Spiel zum neu Lagern rauskam, stellte sich oben heraus, dass große Riefen sich eingefressen hatten. Was tun? Wir bestellten eine aus Edelstahl, mussten jedoch bis zu deren Fertigstellung wieder vom Slip ins Wasser", führt Olbert weiter aus. Der Rumpf sei beschallt worden, um die aktuelle Dicke zu prüfen. Die schwindet, weil trotz der sogenannten Opferannoden zum Ableiten des durch Bewegung entstehenden elektrischen Stroms der Stahl langsam dünner wird. Opferannoden wurden ebenso erneuert wie das Ruderblatt geprüft und der Unterwasserantrich aufgefrischt. Am Schornstein wurde das Lamara-Zeichen von der Rumpf-Spitze aufgeschweißt und das vormals unklare Ocker nun auf ein echtes Gelb erneuert. "Eine Saison wird die Amortisation der Kosten wohl benötigen, wenn diese einigermaßen gut ausfällt", rechnet Olbert.

Dann zieht er sich mit dem für die Überfahrt mitgenommenen, befreundeten Navigator Jürgen Seele auf die Brücke zurück. Der Barther Bodden ist im Zickzack zu befahren und birgt viele Gefahren durch Untiefen.

Kurz darauf steht Heinrich Olbert im Blaumann im Maschinenraum. Die Kipphebel der Ventile müssen vor dem Start und dann alle zwei Stunden geschmiert werden. Klassische Arbeit mit dem Ölkännchen für den Schmiermaxen. Der heißt in unserem Fall Matrose und Anja Lawatsch, die sich zwischen Gästen, Maschine und den anderen, beweglichen Arbeiten an Bord bewegt. Olbert erklärt vor dem Start das Phänomen Wasserschlag. "Das geschieht bei Wasser im Zylinder, das sich im Gegensatz zu Gasen nicht verdichten lässt. Daher wird jeder Kolben in eine bestimmte Position gedreht, um Wasser auszuschließen. Ein Wasserschlag bedeutet Explosion und das absolute "Aus" für einen Motor." Doch natürlich startet die Maschine und nach Übergabe der Papiere von Produktionsleiter Matthias Moritz dreht Heiner Olbert die Lamara auf der Stelle im Hafen auch ohne Bugstrahlruder und steuert sie der Ausfahrt entlang der Barther Stadtkulisse zu. Zeit zu erzählen, da Nebel und Dunst jegliche Optik an Land schlucken.

1990 fand die Lamara von Laboe kommend in Baabe eine neue Heimat, springt Olbert 2003 zur zur Übernahme mit Anja Lawatsch. Als die frühere Beamtin Lawatsch und Olbert als Fluss- und Hafenkapitän den Betrieb aufnahmen, trafen sie einen Fahrgast aus Wewelsfleth, der in der Werft von der Lamara erzähle. Nur kurze Zeit später kam so Manfred Kleinke, Vorstandsvorsitzender der Peters Schiffbau AG, vorbei. Die bauen heute Megayachten, Passagier- und Containerschiffe. Während einer Fahrt um die Insel Vilm habe Manfred Kleinke aus der Vergangenheit erzählt und wie das Schiff 1959 mit der Baunummer 500 für einen Kieler Reeder gebaut worden sei. Als Seeschiff für sogenannte Butterfahrten nach Dänemark.

Das Kommando für Dieter Partsch, den Masten zu klappen, erinnert dann an die Gegenwart mit dem nahenden Rügendamm. Drunter durch und 16.18 ist die Lamara nach Fahrt durch die Having wieder im Binnengewässer. Gegen 16.52 Uhr liegt sie nach sechs Stunden Fahrt fest. "Wir haben noch vier Wochen, bis die Saison beginnt, weiß Anja Lawatsch. Und am 14. Juli wird mit der Lamara Geburtstag gefeiert", kündigt der Kapitän an.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

INFO

Der Schiffsdiesel MAK MV 36 wurde 1959 nach der Kiellegung als Sonderborg auf der Werft Hugo Peters in Wewelsfleth an der Stör eingebaut. Bei einer Umdrehung von 500 U/Minute bringt der „Langhuber“, also ein Motir mit langem Hubraum, 118 kW, was 160 PS entspricht, auf die Schraube. Er treibt damit 124 Tonnen bei einer Verdrängung von 113,85 Kubikmetern. Die Maße der LAMARA belaufen sich 29,33 Meter Länge, 5,86 Meter Breite und 1,50 Tiefgang. Da die alte Dame, deren runder Geburtstag am 14. Juli 2009 gefeiert wird, für die Hochsee als Butterschiff unter dem Namen Sonderborg gebaut wurde, ist sie als Oldtimer im Bodden noch immer mehrfach abgesichert. 1961 ging ihr Weg als Fair Lady in die Niederlande, 1974 nach Kiel wo sie ab 1975 in der Kieler Förde lief. 1990 kam sie als Lamara nach Rügen. KÜMA

zurück | weiter | Bilder der Überfahrt

 

 

kontaktlinkempfehlungenimpressum/anbieterzurück zur Startseite