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Texte / Reportagen

Fliegenfischen an der Ostseeküste

Faksimile OZ vom 02.02.2009 Rügener Zeitung Seite 13

Bernd Ziesche ist ein professioneller Fliegenfischer. Die OZ begleitete den 34-jährigen Angel-Guide einen Tag lang bei seiner Jagd nach Meerforellen in der Ostsee bei Lohme.

Lohme Kräh, kräh, und nochmals. . . Der Lohmer Hafen liegt im Nebel versunken und auf den Bäumen sitzen sie und rufen. Niemand scheint auf den Beinen. Weder Touristen noch Gastgeber. Bei diesem Wetter kaum verwunderlich. Neben-, Nach- oder auch keine Saison. Eigentlich. Doch nachdem ich mich vorsichtig die gefrorenen 213 Stufen bis zum Hafen hinabgetastet habe, der neben dem Museumsschiff "Tortuga" und den Arbeitsbooten des Fischers fast leer ist, sehe ich nahe des Schwanensteins eine rote Weste. Mitten im eiskalten Wasser. Meine Verabredung.

Es ist Bernd Ziesche (34), Profi-Angler aus Glücksstadt und hier an der Lohmer Küste auf Meerforellen aus. Als er meiner gewahr wird, schiebt sich der drahtige Mann aus dem eiskalten Wasser. Fast wie schwebend über den Nebel. Seine Kunden sind angesichts des Wetters heute gleich im Bett geblieben. "Meerforellen mögen die Temperaturumstürze nicht und das ruhige Wasser enttarnt die künstlichen Köder beim Fliegenfischen schnell", begründet er. Er zeigt mir Netze direkt an der Küstenkante. "Wären wir zu dritt, hätten wir schon wieder umgedreht. In Meck-Pomm muss ich 100 Meter Abstand zu Netzen halten. Dort ist der Nationalpark und hier nahe dem Hafen geht es alleine gerade so. Wer die Steilküste irgendwo herunterkommt, und dann auf 1000 Meter Netze entlang der Küste stößt, ärgert sich wegen dieser Vorschrift und kommt nie wieder. Dabei wäre das für Rügen der Tourismus der Nachsaison." Fliegenfischer, so erfahre ich bibbernd, seien also netz- und doppelt windanfällig. Einmal für zu viel und dann für zu wenig Wind. Doch was sind "Fliegenfischer"? Kennern des Filmes ‚Aus der Mitte entspringt ein Fluss' muss Ziesche nicht viel erzählen. Eine fast spirituelle Verfilmung mit Robert Redfort und Brad Pitt von 1992, basierend auf einen Roman von 1976.

Ziesche stakst vorsichtig mit seinem Neopren-Anzug und seinen Füßlingen, am Leib die rote, geschlossenen Anglerweste, über die glitschigen, gefrorenen Steine. Hinein ins tiefere Wasser an der Küstenkante und führt mir das vor.

Die kleine, offene Box, die am Rücken angeschnallt, wie ein Behältnis für Beute aussah, hat er sich am sicheren Standpunkt im hüfthohen Wasser nun vor den Bauch gedreht. Seine lange Angelrute mit wenig Firlefanz. Nur eine Trommel von knapp zehn Zentimetern Durchmesser wirft er jetzt in eleganten Bewegungen immer wieder mit dem Fliegenköder aus. Die dabei abgewickelte Sehne kommt der Einfachheit halber beim ruckartigen Ziehen nicht mehr auf die Trommel sondern in die Box. Von der er sie beim Auswerfen entnimmt. Mit bloßen Fingern.

Rundherum wabert der Nebel, die Kälte dringt schon am Steinstrand durch alles, was nicht aus Leder oder Neopren ist. Trotzdem angelt Ziesche mit Hingabe in der Nähe eines Felsens, bevor er wieder mal an Land kommt. "Die Hände", denke ich, "eigentlich müssten sie ihm abgefroren sein".

"Der einzige, wirklich neuralgische Punkt", bestätigt er. Alles andere könne man schützen. Beim Aufwärmen erzählt er davon, wie die Meerforelle, die auf Rügen kaum jemand kennt, weil sie meist als Lachs verkauft wird, in Dänemark den Tourismus belebt hat.

"100 Dänenkronen (DK) Wertschöpfung wird in Dänemark für die vom Fischer gefangene Meerforelle taxiert, 2500 DK jedoch für die des Anglers", sagt er, der seine Gäste meist nach Dänemark und nur selten nach Rügen führt. "Dabei wäre das hier selbst für viele Dänen genial, da sie zwischen Bodden mit Hecht und Ostsee mit Meerforelle wählen könnten. Aber die Politik hier ist mehr auf die Lobby der Fischer statt auf ein Miteinander orientiert", moniert er. Das beginne mit der Transparenz für das Geld, das der Angelschein koste. In Dänemark gehe das direkt in den Besatz für Meerforellen. Hier verteile es die Politik. Irgendwie.

Dann führt er aus eigenem Erleben an, dass Fischer in Vitt pro Fahrt gut mal 100 Meerforellen aus den Netzen holen. "Das kann 4000 bis 5000 Meerforellen pro Saison bedeuten. Wenn ich als Angelprofi die Woche drei erwische, ist das schon ein Erfolg! Angler sind in diesem Fall keine Bedrohung", glaubt er. Dabei spielt er auf die heimliche Konkurrenz und die Annahme mancher Fischer an, Angler verdürben ihnen das Geschäft. "Das gleich zu setzen, ist eine Idiotie." Seiner Meinung nach könne die Insel gerade in dieser Jahreszeit von den Anglern touristisch profitieren.

An diesem Tag geht Ziesche noch ein drittes Mal nahe dem Schwanenstein ins gerade einmal zwei Grad kalte Wasser. Die Steine knirschen, die Wellen rascheln. Der Angler bleibt jedoch erfolglos. Damit steht er jedoch nicht allein, der Fischer, der bei einem kurz aufkommenden Sonnenstrahl seine zehn Netze links und rechts vom Hafen kontrolliert hat, bringt auch keine Beute zurück. Für den Vollprofi Bernd Ziesche ist auch das kein Probleme. Trotzdem hätten Angler auf Rügen Miete bezahlt, gegessen, eingekauft und wären eingekehrt. Das ist es wohl, was er bei seiner Rechnung meint.

"In Dänemark", so erläutert Ziesche noch einmal, "wird beim Angeln sogar zwischen den silbernen und den bräunlichen Forellen im Laichkleid unterschieden". Die Angler würden die im Laichkleid von September bis Dezember vom Haken wieder ins Wasser werfen und so die Schonzeit ohne Verluste reduzieren. "In MV ist das verboten und daher kommt im Dezember niemand. Die Dänen wiederum wollen ihre Angler behalten und machen das richtig gut." Sein heimlicher Favorit bleiben dennoch die naturbelassenen Küstenabschnitte mit Seeadlern und Fischottern. "Das findet man nur an den Rügener Stränden", betont Ziesche. Er begrüße die Schutzzonen, über die, wie er findet, allerdings zu wenig aktiv informiert werde. "Von Dänemark bekomme ich Post darüber frei Haus. Als Käufer eines Angelscheins bin ich ja bekannt. Und als Veranstalter bin ich den Dänen eben sehr wichtig. Damit ich meine Gruppen wieder dorthin begleite." Die Netze der Fischer übrigens, so fällt ihm noch ein, stünden in Dänemark 200 Meter ab von der Küste. Genug Platz für ein gutes Nebeneinander. Die Krähe stört das nicht: Krah, krah.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

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