Texte / Reportagen
Wandern mit Senkblick in den schwarzen Bergen
Den Treffpunkt "Schwarze Berge" hatte der Naturschutzwart und Bodendenkmalpfleger Volker Rösing angeregt. Hätte er nicht zusätzlich den Parkplatz Ralswiek als Start für seine Wanderung genannt, wäre das Ankommen auch für manche Rüganer schon problematisch geworden. Das zeichnet seine Touren aus: "Manchmal wissen auch Rüganer nicht, wo es hingeht." Dabei liegt das heutige Ziel nahe der Bundesstraße 96. Aber dafür gut versteckt im Wald. Zehn Wanderer treffen sich tatsächlich an einem kalten, aber sonnigen Sonntag. Kurze Begrüßung und los! Dass es zehn Euro pro Kopf kostet, muss er der Form halber mal sagen. Dann, am Ende des Parkplatzes taucht die Gruppe schon in den Wald ein. "Die Pfosten mit den geschnitzten Gesichtern stammen von einem Projekt, das hier vor zehn Jahren einen Slawen-Pfad etablieren wollte. Das blieb davon übrig." Metallene Pfosten undein Kabel deuten auf Laternen hin. Aus der Zeit, als der Weg zu den Störtebeker-Festspielen noch hier lang ging. "Slawen und Störtebeker hätten eine gute Verbindung ergeben", meint der Führer. Hat aber nicht sollen sein.
Volker Rösings (58) Thema ist die Regionalgeschichte Rügens. Die wirklich frühe. Damit hat der frühere Veterinär nach einem Aufbaustudium selbstständig gemacht. Und stößt in eine Lücke, die Hotels nicht füllen können. Volkshochschulen, der IHK, am liebsten jedoch Wanderern auf solchen Touren, lässt er sein Wissen zukommen. Die Gruppe taucht mit dem Wald auch ein ins achte bis elfte Jahrhundert. Um schon nach wenigen Metern im Privatforst auf Hügel zu stoßen. "Rügen ist das größte, zusammenhängende Gräberfeld Europas. Alleine hier sind 415 Gräber auf einer Fläche von 700 auf 400 Metern zu finden." Die Wanderer dürfen den befestigten Pfad, der den Slawen schon für ihre Karren mit schwerer Fracht gedient hat, in Richtung der Hügel verlassen. Parkplatz und die nahe Bundesstraße sind vergessen. "Vermutlich sozial höhergestellte Persönlichkeiten sind verbrannt, die Asche in Urnen gebettet und unter einem Erdhügel bestattet worden", erläutert Rösing eben und sammelt die Gruppe auf einem solchen Hügel. "Außer einer Bronzeschüssel mit der Verpflegung für die lange Reise gab es kaum Beigaben. Gefunden bei Grabungen wurde hier eben mal eine Tüte voll", sagt der Experte. Eine Erkenntnis, welche die Gräber auch schützt, denn wenn auf Rügen geraubt wird, dann professionell. "Behütet hat sie auch der frühere Förster Detlef Noerenberg. Er hielt hier seine Hand immer schützend darüber." Dennoch sind 45 Prozent aller Bordsteine Stralsunds aus Rügener Findlingen. Nicht selten von Gräbern. Und von den in Hagenows Karte des 18. Jahrhunderts verzeichneten 256 Großsteingräbern existieren nur noch 55. Die "Wanderer des Nordens", wie andere die eiszeitlichen Findlinge nennen, wurden bis zum Schutz durch die preußische Regierung gewinnträchtig verkauft.

Weiter den Pfad abwärts. Dort lag der Seehandelsplatz Ralswiek. "Verschollene Seeleute erhielten ebenfalls zum Schein eine Bestattung". Das verlangte der Brauch. Auch daraus lässt sich die Anzahl der Gräber erklären. Denn der Hafen Ralswiek war als Umschlagplatz international bedeutend." Dies bestätigt ein Teilnehmer, der hier einen Schatz von 2,5 Kilogramm Hacksilber, darunter auch arabische Münzen, in seiner Jugend mit entdeckt hat. Vier Boote der Slawenzeit gelten als wichtige Zeugnisse, wenn auch manche Teile davon heute wegen unsachgemäßer Behandlung durch die Experten des Landesamtes nach der Konservierung unbrauchbar sind. Leider hat hier auch der Kulturdezernent des Kreises Rügen Anfang der 1990-er Jahre in Ralswiek eine Ausstellung zur regionalen Geschichte zugunsten der Störtebeker-Festspiele aufgegeben. "Es wäre wie der Slawen-Weg eine wunderbare Verbindung mit zahlreichem Publikum gewesen", sinniert Rösing heute und die pensionierte Schuldirektorin Helga Mertens stimmt ihm zu. Die Wanderung ist eine wunderbare Ergänzung und Anregung", tut sie begeistert kund. Im 12. Jahrhundert wurde der Handelsplatz wegen der größeren Schiffe aufgegeben. Ende des 14, Jahrhunderts starb der nach der Christianisierung letzte Slawe auf Rügen. "Da hatten manch andere Regionen schon über 1000 Jahre christliche Tradition zu verzeichnen", gibt Rösing Hilfestellung, was an diesen Zahlen bedeutsam ist. Und wie der Rauch aus den rohrgedeckten Katen mit dem Wind abzieht, ein Reiher auf dem Eis eines Fisches harrt, so bleiben auch die Gedanken weiterhin in einer anderen Welt. Rösing jedoch hat schon wieder neue Schwerpunkte. Auf einem Steg kommt er zum Schädel mit Löchern und Schabespuren. Gefunden wurde der 1999 bei Drigge." Er weiß, dass sich die anfängliche Mutmaßung von Kannibalen doch als erste Operationen zur Linderung des Drucks im Schädel entpuppte. Doch keine Kannibalen auf Rügen, wie 1999 vermeldet.
Rösing holt Waffenreste, Pfeilspitzen, Beilfragmente und Tonscherben aus dem Rucksack, verspricht zudem an der nächsten Station eine kleine Sensation. Dafür geht es erneut den Berg hinauf.
"Dies hier könnte der 29. Burgwall auf Rügen sein", begeistert er die schon etwas matten Wanderer aufs Neue. Die Fotoapparate klicken und ein einsames Pärchen mit Glühwein wird trotz Kälte kurz auf einer Bank gestört. Nach der aktuell geführten Debatte um die Neubewertung anderer Burgwälle Rügens bleibt er jedoch noch vage. "Es muss erst alles offiziell bestätigt werden. Und das dauert".
Faksimile OZ vom 29.01.2009 Rügener Zeitung Seite 11 | www.spurensuche-ruegen.de
Zeittafel
ca. 8 000 v. Chr. Die Besiedlung Rügens und Hiddensees in der mittleren Steinzeit wird durch Funde von Pfeilspitzen bei Bergen, Stedar und Silvitz und einer Harpune aus Rentiergeweih bei Venz belegt. Der dortige Burgwall gewinnt eben neue Bedeutung. 4 000 bis 3 000 v. Chr. Lietzow-Kultur; benannt nach dem Ort zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder Bodden. Reicher Bestand an Feuersteingerät sowie dem ältesten menschliche Schädel auf Rügen. 3 000 bis 1 800 v. Chr. In verschiedenen Regionen Rügens entstehen Großsteingräber. ca. 1 800 v. Chr. Einzelgrabkultur löst die Kultur der Großsteingräber ab. 1 800 bis 600 v. Chr. Bronzezeit – Urnefriedhöfe lasse nden Schluss zu, dass die Verstorbenen verbrannt wurden. Bestattung in Hügelgräbern Funde von bronzenen Waffen und Schmuckstücken. 600 v. Chr. Bis 75 n. Chr. Funde römischen Kunsthandwerks, vermutlich aus Tauschhandel stammend. 3. bis 6. Jahrhundert Zeit der Völkerwanderung – die Rugier verlassen Rügen und Hiddensee. 7. bis 13. Jahrhundert Seit Beginn des 7. Jh. besiedeln die aus Südosten kommenden Ranen die inzwischen fast entvölkerte Inseln. Die Tempelburg Arkona wird nach der Zerstörung der Kultstätte Rethra (bei Feldberg in Mecklenburg) zu einem der wichtigsten Heiligtümer der Westslawen. Auf dem Rugard bei Bergen entsteht das Verwaltungszentrum der Slawenfürsten. um 1 000 Erste schriftliche Zeugnisse über die Insel Rügen vom Chronisten Adam von Bremen. 1 168 erobern die Dänen unter König Waldemar I. und Bischof Absolon von Roskilde die Insel und zerstören die Tempelburg Arkona. Stammesfürst Jaromar unterwirft sich und wird dänischer Lehnsträger. 1 193 wird in Bergen ein Zisterzienserrinnenkloster gegründet.
1 296 schenkt Fürst Witzlaw II. die Insel Hiddensee dem Zisterzienserkloster Neuenkamp (heute Franzburg bei Grimmen). 1 319 wird die Stadt Garz schriftlich erwähnt. 1 325 stirbt der letzte slawische Stammesfürst Witzlaw III. (der einzige bekannte Minnesänger im norddeutschen Raum). Mit ihm erlischt das ranische Fürstenhaus; Rügen, Hiddensee und das zugehörige festländische Gebiet fallen daraufhin an das Herzogtum Pommern-Wolgast. 1 332 wird auf Hiddensee die Fischer- und Bauernkirche vor dem Klostertor eingeweiht. 14. bis 15. Jh. gewinnen die auf Rügen und Hiddensee ansässigen Adelsgeschlechter mit großen Ländereien die faktische Macht über die Inseln. Zum führenden Zweig steigt das Geschlecht derer zu Putbus auf.
© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN
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