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Texte / Reportagen

Mit dem Bodendenkmalpfleger über den Goldberg

Erlebnis von 3500 Jahren Kulturlandschaft

Goldberg. (ostSeh) · Detlef Stübe (60) hat in seiner typischen Umhängetasche ein Buch mitgebracht. ‚Deutschland in der Bronzezeit‘ heißt es und zeigt auch den als Beutekunst verschleppten Goldschatz von Eberswalde. Da gewinnt der Name der Ortslage ‚Goldberg‘, auf der ich den Grabungstechniker und Bodendenkmalpfleger Stübe an einem sonnigen Vormittag treffe, eine ganz andere Bedeutung. Er, der 1965 Zugereiste, ist hier zu Hause, merke ich jeder seiner Erläuterungen an. Wir stehen und schauen auf der einen Seite vorbei an den vier Windrädern zum Dobberworth, dem größten Rügener Hügelgrab, auf der anderen Seite zum Dreschenberg mit seinen vier Hügelgräbern. Überall rundum liegen auf dem Acker Hühnergötter, Feuersteine und in den Söllen, entstanden von ehemaligem Toteis steht Wasser. "Das ist ein typisch schützenswertes Siedlungsgebiet", sagt Detlef Stübe. "Erhaben für das Sicherheitsbedürfnis, das die langsam seßhaften Siedler ab der jüngeren Steinzeit entwickelten. An den höchsten Stellen ihre Gräber, Wasser in den Senken."

Eine nahrhafte Umgebung, wie man sie sich so in Sichtweite des Örtchens Sagard und des Fährhafens Sassnitz heute noch vorstellen kann. Eine sogenannte "siedlungstopografisch günstige Lage."

Eben brechen ein paar Damböcke ohne Schaufeln aus einem Quelldickicht. Eine alte Schaufel finden wir beim Weitergehen auf dem Acker. Ebenso wie tausende Stücke von Feuersteinabschlägen, geglätteten Mahl- und Krähensteinen oder einem Stein zum Graben. "Hier liegt eine eiszeitlich geprägte Siedlungslandschaft, wie sie im Buche steht", erläutert Stübe. "Bis zum Siebenberg existieren hier 26 sichtbare und unsichtbare, geschützte und teils schon planierte Fundstellen." Und Stübe erzählt anhand der Karte, in die der Altmeister der Rügener Frühzeitexperten, Peter Herfert, auch die Lage der von Hagenow gefundenen Gräber eingezeichnet hat. "Hier geht es lange nicht mehr um den alten Scherbenfund, sondern die alte Kulturlandschaft, die trotz Schutz nach und nach verloren geht. Urlauber, die sich rundum auf Jasmund einquartieren, suchen das." Niemand wolle Puppenstuben. Diese herbe Landschaft, die sei das Original. "Und sie wird immer seltener, egal wie wichtig der Abbau von Bodenschätzen sein mag." Stübe erzählt wie jenes Buch, was er von der Landschaft weiß. Wie die Bevölkerung des Neolithikums sesshaft wurde und wie hier 3000 bis 3500 Jahre Geschichte vor uns liegen. "Die verschiedenen Grabkulte belegen das." Beim Weiterlaufen erzählt Stübe von der Abwägungsfrage bei Grabungen und wie Archäologen als Bremser angesehen werden. Und dass es ihm heute nicht mehr um Grabungen ginge, da schon Spitzenfunde wie der Feuerwagen Peckatel oder massenhaft Handwaffen vorliegen. "In der Bronzezeit gab es nochmals eine gegenseitige Beeinflussung, wo Feuersteinschläger gegossene Bronzedolche nachahmten. Selbst so etwas lässt sich heute ohne Grabungen beweisen." Dann liegt ein Söll, diese Niederung mit Wasser, vor uns, in das seit vermutlich Jahrzehnten Steine aus dem Ackerbau wandern. "Mahlsteine finden sich hier gleich, ebenso bearbeitete Findlinge, die von Gräbern oder später herrühren könnten. Merken sie, wie sich das Klima hier sofort ändert? Das macht ein echtes Biotop aus."

Grabungstechniker und Bodendenkmalpfleger Detlef Stübe
Grabungstechniker und Bodendenkmalpfleger Detlef Stübe (60) am Ort des für rund 100 Jahre geplanten Kreideabbaus vor den Toren von Sassnitz, dem Goldberg. Immer in Sichtweite kleine und große, schützenswerte Siedlungsreste, meist an Gräbern erkennbar, zurückreichend bis zum Neolithikum.

unsichtbar in den Hügeln
"Viele Denkmale sind schon früher für die Landwirtschaft planiert worden und liegen heute unsichtbar in den Hügeln. Reste der Gräber jedoch sind entweder am Platz oder liegen als Einzelfunde in den aus Toteis entstandenen Söllen. Kleine, eigene Biotope in der Agrarwüste."

Goldberg weckt Assoziationen
Der Name 'Goldberg' weckt angesichts des als Beutekunst an die Sowjetunion verlorenen Goldschatzes von Eberswalde Assoziationen. Auch heute noch wird auf Rügen raubgegraben. Hier zeigt Stübe im Buch "Deutschland in der Bronzezeit" schon bekannte Funde. Die Hügel vor den Windrädern sind planierte Gräber.

Rauchgasentschwefelung und Düngekalk ab 2012
Die Damman Kreide KG mit dem Rügener Kreidewerk will dort für Rauchgasentschwefelung und Düngekalk ab 2012 in Schuppen rund 250000 Tonnen Kreide Stück für Stück aus der Landschaft baggern.

Eine Insel der Frühgeschichte zwischen Sagard, Sassnitz und Mukran
"Eine Insel der Frühgeschichte zwischen Sagard, Sassnitz und Mukran", sagt Stübe, der diese letzten Reste sichtbarer, alter Kulturlandschaft in ihrer Kargheit für unbedingt schützenswert hält. Am Horizont vier der 26 verzeichneten Fundorte.

Stübe, der gelernte Hochseefischer und heute teils ehrenamtliche, teils angestellte Archäologe weiß, dass zu DDR-Zeiten für LPG-Großagrarier Hügel ebenso wie die Hecken zwischen den Schlägen fallen mussten. "Die Gräber wurden planiert, sind jedoch hier noch zu sehen", weist er auf vier Erhebungen am Zenit einer Kreidescholle. So wird auch aus Sicht der Landschaft der dort geplante Kreideabbau in mehreren Schuppen verständlich. "Da die inneren Bauten der planierten Gräber vermutlich abgesackt sind, erwarten wir beim Freilegen natürlich auch Funde. Obwohl die Hügel keine Bodendenkmale mehr sind." Funde an diesen Stellen müssen jedoch gemeldet werden, die Bergung muss möglich sein und die Finanzen trägt der Verursacher, lautet die Gesetzeslage. Stübe zweifelt. Das Ganggrab in Nipmerow fällt ihm als "abschreckendes" Beispiel ein. Dort legte nach Intervention des Bodendenkmalpflegers Willi Lampe die Einzigartigkeit den Kiesabbau lahm. 1974, zu DDR-Zeiten. Stübe zum Abschied: "Die alte Kulturlandschaft ist tot. Diese kleine Insel am Goldberg muss deshalb erhalten bleiben."

de.wikipedia.org/wiki/Bronzezeit
So sehen es Urlauber:
www.dkrieger.net/photothumbs/infrarot/006-ir-kon-baar.htm

© ostSeh 2007 / ANDREAS KÜSTERMANN

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