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Texte / ReportagenAngela Merkels Vorgarten errötet Von Wahlfieber konnte auf Rügen seit 6. Mai keine Rede mehr sein. Da begann der Wahlmarathon, der rund 62500 Wähler in Atem hielt oder, je nach Sichtweise, außer Puste brachte. Denn Rügen ist repräsentativ. Und Teil von Angela Merkels Wahlkreis. Und daher wünschte sich nicht nur die CDU-Chefin, dass das Wählen endlich in ihrem Sinne ein Ende hat. Doch die Wähler konnten nun entscheiden, wie sie wollten. Ohne Tricks. Rügen · Dass Merkels Anliegen nach einem ersten Anlauf misslang, spricht auch für den parteiübergreifenden Mangel an politischer Elite auf der Ostsee-Insel. Zumindest für dieses Amt. Die CDU Wunschkandidaten Lutz Brauer und Gesine Skrzepski sitzen im Landtag und wollen dort auch bleiben. Wegen der Konzentration auf ihre Spezialthemen. Das Munkeln war laut, dass die eine gerne Ministerin würde oder nach Berlin wolle, der andere noch ein paar Rentenanwartschaften als MdL benötige. Also kam es gelegen, dass die Basis das CDU-Mitglied Ferdinand Pieper, bis dahin leitender Verwaltungsbeamter des Amtes Südwest-Rügen, auf den Schild hob. Mit drei Stimmen Vorsprung gegen den Vorsitzenden Brauer. Als das Ziel des Wahlkampfes in Sichtweite rückte, SPD und FDP im ersten Durchgang am 6. Mai mehr oder weniger bedeutungslos ausschieden, schied der CDU Kandidat ebenfalls. Vor der Stichwahl. Offiziell, weil Vorwürfe von Unregelmäßigkeiten gegen ihn laut geworden waren. Die inoffizielle Variante war jedoch bei der Landesvorsitzenden Steffi Schnoor und ihrer Bundeschefin zu suchen. Erstere hatte schon am Montag nach dem ersten Urnengang in Schwerin verkündet, dass sie eine PDS-Landrätin auf Rügen zu verhindern wisse. Damals wäre das noch die Erste in MV gewesen. Doch diese Rolle übernahm dann überraschend Barbara Syrbe (PDS) im Kreis Ost-Vorpommern. Schon beim Neujahrsempfang in Bergen hatte Merkel im Februar strikte Verhinderungsstrategien wegen des Imageschadens für die Insel angekündigt. Zwar sah es die Kommunalpolitik gemäßigter, und nur die Junge Union griff den Slogan Freiheit statt Sozialismus auf. Doch es kam, wie es kommen sollte. Kerstin Kassner (PDS), Kellnerin, Pensionsbesitzerin und ebenfalls Landtagsmitglied, erreichte in der Stichwahl zwar die einfache Mehrheit mit 10589 Stimmen von 13307 abgegebenen und legte damit sogar noch rund 1000 Stimmen zu, aber mit 21,3 statt der erforderlichen 25 Prozent Wahlbeteiligung. Was für die Politiker ein natürlicher demokratisch legitimierter Vorgang war, empfanden die 80,5 Prozent Kassner-Wähler als Betrug. Zumindest als Getrickse. Mit Folge der Wahlwiederholung jetzt im September. Dabei hätte es die CDU mit Strategie relativ leicht haben können. Denn auch die SPD versagte sich wegen langjähriger parteiinterner Streitereien einen wirklichen Spitzenkandidaten: Udo Knapp, ungeliebter geschasster früherer 1. Beigeordneter und PDS-Freund aus Parteiräson. Immerhin regiert man in Schwerin zusammen. Doch hätte ein möglicherweise gutes Abschneiden von Knapp seine Position wieder gefestigt, die ein Teil der Partei in jahrelanger Kleinarbeit demontiert und damit Rügen zum Kreisverband mit dem heftigsten Mitgliederschwund im Land hat werden lassen. Besonders peinlich, weil Knapp als der Mann für besondere Aufgaben an der Seite von Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) gilt. Knapp warf entnervt das Handtuch. Stattdessen wurde wissentlich ein chancenloser Altefährer Bürgermeister Ingulf Donig nominiert, von dem die Mehrheit der SPD Rügens sicher war, dass er keinen Schmusekurs mit der PDS fahren würde. Pikant am Rande: Herkunft aus dem gleichen Amt wie Ferdinand Pieper. Doch zurück zur CDU. Diese setzte nun auf einen von uns. Herbert Dobelstein, Fischer, Rohrdachdecker und ebenfalls Nobody. Wie wichtig diese Wahl sozusagen im Vorgarten von Angela Merkel ist, zeigte die Tatsache, dass die Berliner CDU ihren Spitzenkandidaten für das Bürgermeisteramt ohne Angela Merkel zelebrieren musste. Die stand dem neuen Rügener Kandidaten zur Seite für Freiheit statt Sozialismus. Während die CDU-Chefin nun Edmund Stoiber, ihren direkten Bundeskonkurrenten und bayerischen Vorzeigeministerpräsidenten, als letztes Aufgebot nach Binz lud, alles im Land schlecht redete während Stoiber meinte, man hätte hier doch schon ganz schön viel geschaffen, trat den Wählern eine optisch verjüngte, in fast mädchenhafter Verschmitztheit auftretende Kerstin Kassner an der Seite des Sassnitzer Bürgermeisters Dieter Holtz (PDS) auf übergroßen Plakaten entgegen. Klar erkannt: In Mecklenburg-Vorpommern wird schon ab 16 Jahren gewählt. Die älteren Semester beim PDS-Klientel wissen noch, was Wahlpflicht ist. Die Jungen müssen erst gewonnen werden. Und für Holtz hatte das Fiebern mit einem Ergebnis von 71,8 Prozent dann am 2. September ein Ende. Für die Landratsentscheidung genügte es erneut nicht. Bei 32,5 Prozent Wahlbeteiligung blieben wieder CDU (39,1 %) und PDS (48,2 %) übrig. 1,9 Prozent zu wenig für Kassner, um im ersten Wahlgang den Lauf zu beenden. Angesichts dessen war so kurz vor dem letzten Gefecht gegen die sozialistische Flut auch für die CDU-Bundesprominenz ein komatöser Zustand erreicht. Reine Wahlarithmetik genügt nicht mehr. Blieb den Strategen, etwas zu wiederholen, das selbst hartgesottenen PDS-Hassern bei der CDU den Schweiß auf die Stirn treibt: Würde man den Kandidaten erneut zurückziehen, hätte Kassner wiederum an der Wahlbeteiligung, besser am Wahlverdruss scheitern können. Dann hätte der Kreistag als letzte Instanz den Landrat bestimmt. Und künftig wäre ob der parteitaktischen Interpretation des Wortes Wahl kein Bürger mehr an die Urne getreten. Denn im Kreistag herrschen klare Verhältnisse. SPD, CDU und FDP wählen in trauter Ein- und Mehrheit gegen Rot und Grün. Doch einmal mehr kam alles anders. Nun gilt es, die Schäden des Lagerwahlkampfes bald durch Politik zu ersetzen.
küma
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