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Texte / ReportagenFür Aufträge in Japan ist auch Rügen kein Standortproblem Kasnevitz (ostseh) · 1991 war noch Gründerzeit. Zumindest für den Physiker Dr. Reinhard Wendlandt. Den Arbeitsplatz des Zivilbeschäftigten in Prora gab es nicht mehr. Und solche Brüche in der Biografie muss man auch mit 39 Jahren erstmal verarbeiten. Doch Grübeln ist nicht Wendlandts Metier und so machte er sich an seinen eigenen Aprilscherz: Mit Volker Petermann, der dem Hause noch heute als Angestellter verbunden ist, wurde am 1. April EDV-Service Garz gegründet. Damals noch als Einzelunternehmen für Wartung und Vertrieb von Computern. Vermieter des Betriebsgebäudes war die Agrargenossenschaft mit einem dieser typischen Flachbauten, an dessen langem Gang Zimmer um Zimmer aufgereiht ist. "Die haben uns hier ganz doll unterstützt, lässt Wendlandt nichts auf den Vermieter kommen, bei dem er nach und nach den Platz für Werkstatt, Entwicklungsräume und ein Computerkabinett ausgedehnt hatte. Die Programmierer saßen am Ende über die älteste Stadt Rügens verteilt, teils sogar über dem Getränkemarkt.
Gründerzeit im Osten war auch Goldgräberzeit. Für manche. Die mit Computern allerlei Branchensoftware verkauften. Software, die am Anfang ihre Zwecke erfüllt, wenn aber der Betrieb wächst, plötzlich nicht mehr mit gängigen Programmen kompatibel, also verträglich ist. Auch hier kauft zweimal, wer billig kauft. So ging es dem Chef von Rügen Haustechnik, Karl-Heinz Ratzke, dessen Warenwirtschaftsprogramm der Expansion des Unternehmens nicht mehr standhielt. Doch wie nun die Datensätze ohne Fehler nach beispielsweise Excel übertragen? Natürlich öffnet Microsoft oder ein anderes Haus nicht die Schnittstellen, um etwas anzudocken. Selbst ein Programm, das dies nur annähernd versucht, ist urheberrechtlich verboten. "Also galt es immer von neuem, zu programmieren", erzählt Reinhard Wendlandt von regelmäßigen Nachtsitzungen mit Kaffee, Cola und Zigaretten. Und da kam ihm die Idee, die fortan von den Kollegen scherzhaft "Wunderwaffe" genannt wurde. Offiziell trägt sie den zungenbrecherischen Namen ‚Windows Utility Write All' (WUWA). Eine Software, die, einmal auf die Bedürfnisse des Kunden eingestellt, Datensätze wie die Sekretärin am Keyboard übertragen kann. Ganz einfach, indem sie nach kurzer Anpassung so tut, als würde sie tippen. Mit dem kleinen Unterschied, dass angenommene 500.000 Datensätze eines Haustechnikunternehmens ohne tägliche Aktualisierungen schon besagte Sekretärin ein halbes Jahr beschäftigen würden. WUWA macht das in 24 Stunden. 234 Datensätze in fünf Sekunden. Dank Makros, die einmal bestimmte Daten in vorgegebene Felder schreiben. Das beeindruckte nicht nur Unternehmen, die angesichts des Problems ‚Jahrtausendwechsel' zudem zu neuen Softwarewelten aufbrechen wollten. "Wenn ich das nicht unters Volk bringe, bin ich blöd", verdonnerte sich der Chef und saß fortan am Rechner hinter Disketten und diversen Bildschirmen. Tag und Nacht. So viel, dass seine Frau ihm am Sonntag Spaziergang verordnete. Von wegen des klaren Kopfes. Und ESG, seit 92 in der REchtsform GmbH, expandierte. "Eine harte Zeit, als bei uns erstmalig EDV-Abteilungsleiter von VW eintrafen und lächelten, als sie das Firmengebäude sahen. Der Druck war gewachsen, rund 15 meist junge Fachleute beschäftigten sich 1998 bei ESG schon mit Software, doch auf Rügen wollte sich keine Bank für diese Ideen interessieren. Im Gegenteil. Das Konzept sei nicht ausgereift, hieß es in einem Antwortschreiben. Bis 1999 der Ruf kam, ob ESG nicht an den Stand des ‚Bundesverbandes Mittelständischer Wirtschaft' (BVMW) auf die EXPO kommen wolle. Ein Betrieb von 50 damals. "Das hätten wir nie bezahlen können, zumal bis zu diesem Zeitpunkt schon rund 100.000 Mark eigene Vorleistungen in die Programmiererei für WUWA geflossen waren," erinnert sich Wendlandt. Und seit 1996 wartete zudem ein Grundstück in Kasnevitz bei Putbus darauf, als neuer Firmensitz die Arbeitsplätze wieder in einem Gebäude zu vereinen. Doch erst die Medienresonanz um ‚WUWA' und den EXPO-Auftritt brachte eine Stralsunder Bank ins Grübeln und zum Handeln. Das Ergebnis konnte im Januar 2001 in Form eines Landhauses hinter mittlerweile gewachsenem dezentem Fichten-Grün bezogen werden. 26 Mitarbeiter sitzen dort heute. 40 kann das Haus fassen. Da bleibt nicht viel Spielraum, wenn wie geplant im Juli zehn weitere Leute eingestellt werden. Denn der Vertrieb läuft gut und neue Produkte ließen nicht auf sich warten. "Ich hatte immer faire Partner, mit denen es weiterging", schätzt sich Wendlandt glücklich, der nun mit CSB Geilenkirchen kooperiert, einem der zwanzig Software-Branchengrößen Deutschlands. Deren Chef, Peter Schimitzek schätzt, dass WUWA rund 30.000 Programmierer für sinnvollere Aufgaben freisetzen könnte. Eine wichtige Größe beim heutigen Fachkräftemangel. Und so wird es nicht bei rund 300 lizensierten WUWAs bleiben, denn CSB ist ein global Player und bedient auch Kunden in Japan und Australien, deren Interesse groß ist. Call-Center sollen damit beispielsweise im Land der aufgehenden Sonne organisiert werden. Oder eine neue Kundenstrecke in Schweden. Und die Ideen sind ebenfalls nicht zu Ende. Plötzlich ist Rügen nicht mehr am Ende der Welt. Für Japan oder das Baliticum ist der Standort fast zentral, wie der Globus im Chefzimmer zeigt, der gegen die Diskettenstapel ausgetauscht worden ist. Und gelächelt wird mittlerweile nur noch anerkennend. Zum Beispiel auf der CeBit, wo ESG im März erstmalig die gesamte Zeitdauer präsent war.
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