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Texte / Reportagen

Seenotretter bei Sassnitzer Sturmgesprächen erinnert an Untergang der Jan Heweliusz
Großhavarien sind zum Glück die Ausnahme

Tradition haben sie schon fast, die Sturmgespräche im Sassnitzer Fischerei und Hafenmuseum und so konnte Peter Popitz am Mittwoch vergangener Woche auch über 20 Gäste begrüßen. Besonders erfreut zeigte er sich darüber, daß neben alten Kämpen der Seefahrt auch jugendliche Segler anwesend waren und sich für die Seenotrettung interessierten.

Sassnitz · Gekommen war der erste Vormann Arthur Bellack vom in Sassnitz stationierten Seenotrettungskreuzer Arkona. Vormann, erläuterte Bellack, so heißen bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) die Kapitäne, die neben vier Mann Besatzung auch das Kommando über 3200 PS, verteilt auf drei Maschinen, haben. Natürlich beginnt eine solche Runde mit geschichtlichen Daten. So existiert die DGzRS seit 1865 und verfügt heute über 50 Schiffe, die Längen von sieben Metern bis 44 Metern umfassen. 27 Meter beispielsweise hat der im Westhafen stationierte Kreuzer Arkona, der dort in Dauerbereitschaft liegt. Dies bedingt Schichten von 14 Tagen, denen dann die Freiwache folgt. Neun Mann hauptamtlicher Besatzung teilen sich diesen Dienst in Sassnitz, jahraus, jahrein. Nur Weihnachten und Silvester wird gewechselt. Und da kommt Arthur Bellack auch gleich auf einen Punkt, wo er sich Unterstützung wünscht. Denn trotz Hauptamtlichkeit, die im Normalfall ausreicht, können in vielen Regionen die Seenotretter auch auf Freiwillige zurückgreifen, welche im Ernstfall vom Arbeitgeber ohne Probleme freigestellt werden. 700 an der Zahl sind das bundesweit. Zwar gibt es auch auf Rügen vier Freiwillige, aber bei wirklichen Ernstfällen können das nicht genug sein. Das sei technisch bedingt, erläutert Arthur Bellack. Denn wenn er beispielsweise das Tochterboot Caspar aussetzen muß, sind dort schon zwei Leute der vier oder fünf Mann Besatzung gebunden. Ebenso dann auf der Arkona. In solchen Fällen sind ausgebildete Freiwillige zur Unterstützung sehr nützlich.

So beispielsweise in den frühen Morgenstunden des 14. Januar 1993 kurz vor fünf Uhr. Auf Rügen ist zu diesem Zeitpunkt gerade Stromausfall und der Rettungskreuzer hat auf Eigenversorgung umgestellt. Da empfangen sie eine verstümmelte May-Day-Meldung. Auch Rügen Radio hört den Notruf.

SAR in Aktion

SAR in Aktion

VERNENA MIT WINDSTÄRKE 12

- Heavy List - schwere Schlagseite sind die letzten Worte, die von der polnischen RoRo Fähre aufgefangen werden. Während die Zentrale der DGzRS offiziell Seenotrettungskreuzer zum Einsatz schickt, gehen die Leute auf der Jan Heweliusz in die Boote. 5.07 Uhr geht der Alarm beim Search and Rescue Standort (SAR) des Hubschrauberlandeplatzes Parow ein. Während der schnelle Helikopter von Parow um 7.20 Uhr den ersten Verletzten an Bord nimmt, kämpfen sich die Retter der Arkona noch durch die eisige See. Es herrschen Windstärken von 12 und mehr und alle wissen, daß bei diesen Temperaturen und Wetterverhältnissen jede Minute zählt. Erst auf der Fahrt gelingt es der Besatzung, mittels Leitstelle und anderen Auswertungen, das Suchgebiet einzugrenzen. 19 Seemeilen südöstlich Arkona wird später als letzte Position festgelegt. Die Informationen komplettieren sich langsam. Etwa 60 Menschen sollen es sein, Besatzungsmitglieder und Passagiere. Doch schon zehn Seemeilen vor der mittlerweile eingegrenzten Position empfängt die Männer um den 2. Vormann Hermann Beilfuß das grausige Bild umherschwimmender Rettungsinseln und menschlicher Körper. Alles fliegt in den kurzen Wellen der Ostsee einschließlich der Arkona durch die Luft auf und ab. Eine tosende Hölle. Zwei Männer werden außenbords angeseilt und stehen auf der unteren Schlingerleiste. Später wird jemand das Bild eines Trittbrettfahrers auf der Achterbahn dafür prägen. Doch in diesem Moment ist keine Zeit mehr für Gedanken. Fangnetze sind ausgebracht und man greift nach allem, was nach Mensch aussieht. Zwei Besatzungsmitglieder werden so unter übermenschlicher Kraftanstrengung an Bord geholt. Beide haben Überlebensanzüge an. Alle Lebensretter wissen, daß es ohne diese Anzüge schon bald keine Chance mehr gibt. An weitere Schiffbrüchige lotst der Vormann die Hubschrauber heran. Ein Froschmann wird abgeseilt, der die Besatzung eines Floßes Mann um Mann aufpickt. Doch zunehmend gilt die Sorge den beiden Geretteten an Bord. Die Übergabe an einen Helikopter scheitert und auch der Arzt kommt wegen der See nicht ran. Nachdem der polnische Rettungskreuzer Hurrican die Koordination vor Ort übernimmt, fällt der Entschluß zur Rückkehr. Starke Unterkühlungen legen den Organismus lange Zeit auf Notversorgung und oft kommen andere Faktoren hinzu, die über Leben und Tod entscheiden. In solchen Fällen müssen die Retter auch Mediziner sein. Heutzutage ist es beispielsweise möglich, per Funk das EKG zur Diagnose an die Leitstelle zu übermitteln.

13.35 Uhr: Ankunft im Sassnitzer Hafen. Die Verletzten werden geborgen und ins Krankenhaus gebracht. Die Freiwache um Arthur Bellack übernimmt und läuft 14 Uhr wieder aus. Zwar stoßen die Männer dann auf den kieloben treibenden Rumpf, doch die Meldungen sprechen zu dieser Zeit nur noch von Toten. Auch die Arkona, die das ausgesetzte Tochterboot im Sturm nicht mehr aufnehmen kann, findet keine Überlebenden mehr. Zwölf Schiffe verschiedener Nationen waren im Einsatz gewesen und bis zu 15 Helikopter. Der später entbrannte Streit um Pannen seitens der Rettungskräfte ist ausgewertet. Kritisiert wurde vor allem, daß Militärflieger in Parow nicht starten durften und nicht auf polnische Angebote wegen der schlechten Sicht zurückgegriffen worden sei. Daß die neun Überlebenden gegenüber den 55 Opfern nur Besatzungsmitglieder in Schutzanzügen waren, führte zu Verbesserungen der Rettungsmittel für Passagiere. Eine Reihe von ähnlichen Unfällen, die auf Mängel an den Klappen der RoRo Fähren zurückzuführen waren, so fast zeitgleich auf der Diana II - führten nach dem Estonia Unglück im September 1994 mit über 852 Toten zum Verschweißen des Bugvisiers solcher Fähren. Heute ist dieser Mangel behoben.
küma
 
Quelle: Ostsee-Anzeiger Rügen 1999

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