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Reportagen / Berichte

Die zwei Seiten von "Flora, Fauna, Habitat"
Wird der Kiesabbau Zessin als Bauernopfer genehmigt?

Die Debatte um die unter dem Stichwort "Flora, Fauna, Habitat" auszuweisenden Schutzgebiete ist voll im Gange. In vielen Fällen ist aus Unsicherheit die Oppositionsrolle dagegen gewählt worden. Doch es kann auch anders gehen. Rund um den kleinen Ort Zessin wehrten sich Einwohner der Gemeinde Neuenkirchen gegen den geplanten Kiesabbau.

Trent / Zessin · Ruhig liegt der kleine Ort am Bodden inmitten einer Landschaft von Heide und Wald. Es ist landläufig das, was man eine Idylle nennt. Doch schon bei der Abzweigung von der Bundesstraße auf die Kreisstraße prangt weithin sichtbar seit Monaten das wohl am häufigsten fotografierte Plakat auf der Insel: "Kein Kies aus Zessin" lautet sein Text. Und bis hin zum Ortsschild werden die Autofahrer dann geleitet von violetten Stoffbändern, die um alle Alleebäume gewunden sind. Ein Signal dafür, daß diese Bäume vom zu erwartenden Schwerlastverkehr bedroht wären. Entweder an den Ästen oder dem Wurzelwerk, das meist bei solchen Straßen auch unter den Belag reicht.

Derzeit prüft das Bergamt in Stralsund als zuständige Behörde die Unterlagen, wie von Umweltminister Wolfgang Methling kürzlich zu erfahren war. Weitere neue Erkenntnisse lägen seinem Hause nicht vor. Anfang des Jahres hatte das Schweriner Regierungskabinett aufgrund massiver Öffentlichkeitsarbeit der Bürgerinitiative gegen den Kiesabbau beschlossen, eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zum Bestandteil des Planfeststellungsverfahrens zu machen. Um diese Prüfung dreht sich nun im Hintergrund der juristische Poker. Denn das vom potentiellen Betreiber des Kiesabbaus beauftragte Planungsbüro kommt in einem Gutachten zu dem zusammen gefassten Schluss, dass wegen des Mangels an neuen Erkenntnissen die UVP nicht durchgeführt werden müsse, weil sie nicht gerechtfertigt sei.

kein Kies aus ZessinFrank Balzer bewohnt mit seiner Lebensgefährtin Heike Munse ein kleines Hexenhäuschen in dem Dorf Zessin. Für die Bürgerinitiative, bestehend aus rund zehn Einwohnern der Region, teilweise auch der Bürgermeisterin Ute Arndt, gibt er Auskunft zum derzeitigen Stand aus seiner Sicht. "Es mag sich ja für die Heidelberger Baustoffwerke oder das Planungsbüro so darstellen, dass keine neuen Erkenntnisse vorliegen. Für uns hier vor Ort trifft das aber nicht zu." Die Bürgerinitiative setzt sich nicht nur aus Menschen zusammen, denen direkte Betroffenheit unterstellt werden könnte. Vielfach wohnen die Mitglieder weit ab in Vieregge, Venz oder Tribbevitz. Doch alle eint die Sorge, daß mit dem Kiesabbau jegliches touristische Konzept für die weitgehend unberührte Region ad Acta gelegt werden könne. Sei es nun das Großprojekt Hafendorf Vieregge, die geplante Trakenerzucht in Tribbevitz oder die Pensionen vieler kleiner Vermieter der Region weitab des großen Trubels.

Während des Gesprächs holt Frank Balzer eine große, graue Kiste herbei, die randvoll mit Akten ist. "So eine haben alle von uns zu Hause stehen und arbeiten ab, was bei den Sitzungen beschlossen wurde." Ganz oben auf liegen derzeit Arbeiten einer "Fachgruppe Geobotanik" des NaBu Greifswald, die von angehenden WissenschaftlerInnen der dortigen Uni betrieben wird. Geobotaniker beschäftigen sich mit dem, worüber der Mensch meist achtlos drüberstapft. Und deren Ausbeute war in der von kleinläufiger Nutzung durch die Landwirtschaft abgesehen fast unberührten Natur erstaunlich groß. Von 243 aufgelisteten "höheren Pflanzen" fanden sie 14 Arten, die auf der roten Liste stehen, also vom Aussterben bedroht sind. Herausragendes Beispiel dafür ist das erstmalig auf Rügen nachgewiesene gemeine Filzkraut (Filago Vulgaris), das selbst die WissenschaftlerInnen nur aus der Literatur kannten. Dieses Kraut bildet eine Art Sandtrockenrasen und wird meist kaum wahrgenommen. Doch die Region, auch nach Landes Naturschutzgesetz ein geschütztes Biotop, bietet dafür hervorragende Bedingungen. Ebenso für Vogelkundler oder den Insektenkundler Kurt Rudnick ist dieses Stück Landschaft etwas Besonderes, wie er in einem Gutachten vom 25. Juli 1999 darlegt, in dem er sich ausgiebig mit Hummeln und Wildbienen als geschützte Arten auseinandergesetzt hat und ebenfalls fündig geworden ist.

Auch wenn man kleine Pflanzen und Kleinlebewesen noch belächeln mag, sofern einem die Bedeutung in der gesamten Kette von Lebewesen nicht bewußt ist, fällt es schwer, über die Worte des studierten Ur- und Frühgeschichtlers Günter Bovensiepen hinweg zu sehen. Er hat nur anhand von Oberflächenuntersuchungen über verschiedene Jahreszeiten hinweg so viele Funde gemacht, daß er vorsichtig aber bestimmt davon ausgeht, dass dort "sensationelle Aufschlüsse" der Besiedlungsgeschichte über Jahrtausende möglich seien. Seine Funde lassen sich schon jetzt von der mittleren Steinzeit bis zur Slawenzeit datieren. "Steilufer und solche Uferlagen weit ins Wasser hinein waren immer typische Orte früher Besiedelungen" ist sich Bovensiepen sicher. "Es wäre ein Jammer, wenn gerade dort nach Kies gebuddelt würde."

Frank Balzer legt alle Unterlagen wieder in die Kiste. "Uns ist es derzeit zu ruhig um die Angelegenheit und wir befürchten, daß es einen Kuhhandel geben soll, um die FFH-Debatte zu entschärfen. Daher haben wir als Bürgerinitiative den zuständigen Brüsseler Kommissar Julien gebeten, das FFH-Gebiet 49 Nordrügensche Boddenlandschaft nicht aufzuheben." Der Anwalt der Gruppe hat zudem vorsorglich Beschwerde bei der Kommission des EU-Parlaments eingelegt.
küma
 
Ostsee-Anzeiger Insel Rügen, August 1999

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