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Reportagen / Berichte

Wo frühstückt der Postmann

Es ist sechs Uhr in der Früh. Wo sonst reger Flugverkehr herrscht, liegt noch ein Stapel folienverpackter Tageszeitungen auf dem Platz vor dem Tower. Irgendwann in der Nacht sind die 330 Kilogramm Frachtgut angeliefert worden, die eine kleine Maschine nach Bornholm transportieren wird.

Güttin/Bornholm · Meine kurze Annahme, ich sei der Erste, wird schnell widerlegt. Vorne am Büro sehe ich gerade Gerhard Kleinert, den Geschäftsführer der »Ostsee-Flug Rügen GmbH« die Türe öffnen. Er hat die Fracht schon ladegerecht abgestellt und den Bestand mit dem Lieferschein verglichen. Ein Tag wie viele der sommerlichen Wochentage, wenn Urlauber auf Bornholm mit deutschen Tageszeitungen versorgt werden. Was abenteuerlich anmutet und bei dem an diesem Tag bedeckten Himmel auch nicht wie ein Freizeitvergnügen aussieht, ist für die Piloten Routine. Peter Dieckmann kommt auf den Platz. Er fliegt heute. Das Wetter hat er schon von zu Hause telefonisch eingeholt. Die schwarzen Wolken am Himmel sind nur die Vorboten, sagt er. Derzeit wird Barth mit dem seit Wochen ersehnten Naß überschüttet. Wir müssen uns beeilen. Zwar ist die Maschine zum Blindflug mit Instrumenten ausgerüstet, aber die Wolkendecke drückt immer tiefer. 1000 Fuß derzeit, was 300 Metern entspricht. Seit 1979, als Peter Dieckmann begann, mit Agrarflugzeugen seine Runden zu drehen, ist der Pilotensitz sein Arbeitsplatz. Genau zehn Jahre weniger sind das, wie die »Cessna207« auf dem Buckel hat, die wir fliegen werden. Er wirft einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen der gesammelten deutschen Presse. Dann widmet er sich der Maschine mit dem Kennzeichen D·EBBG, läßt den Motor warmlaufen und rollt an den Zeitungsstapel. Der Motor ist mit das Wichtigste beim Flugzeug und der ist erst ein knappes Jahr alt. Schnell sind die Packen verstaut und wir fädeln uns noch auf die beiden vorderen Sitze. Schwimmwesten müssen angelegt werden. So will es die Vorschrift. Ein kurzer Funkkontakt mit dem Flugleiter und wir rollen auf die Piste. Neben dem Startpunkt läßt sich unbeeindruckt ein großer Greif nieder, gerade als ob er einen Synchronstart wagen will. Nach dem letzten Check Vollgas und die »Cessna« hebt von der Startbahn 08 ab und dreht querab Güttin eine große 180 Grad-Schleife. Damit ist für alle Frühaufsteher das Geheimnis der morgendlichen Maschine über Bergen gelöst: Es ist der Postflieger.

Über den Wolken..

Beim letzten Bodenkontakt durch ein kleines Wolkenloch ist gerade noch das Landratsamt zu erkennen. Dann umfängt uns wabberndes Weiß, das manchmal von roten Strahlen durchbrochen wird. Wer gewinnt heute? Sonne oder Bewölkung? Für uns klärt sich die Frage schnell. Während via Sassnitz die Insel verlassen wird,streben wir 5.500 Fuß entgegen und sind damit über den Wolken mitten in strahlendem Sonnenschein. Peter meldet sich über Funk bei »Berlin Information«. Da er ins Ausland und zudem über Wasser fliegt, existiert ein fester Flugplan. Zudem erfordern Instrumentenflüge spezielle Flugflächen, weil nur unsere Controllerin am Radar, die uns ein Weilchen begleiten wird, den Überblick hat.

Orientierung im Blindflug

Irgendwann kommt unvermittelt über die Kopfhörer vom Piloten die Ansage, daß dort unten irgendwo sonst immer Fischer sind. Natürlich ist heute nichts zu sehen, aber das Navigationssystem zeigt exakt die geflogene Strecke von 32 nautischen Meilen. Ein Pilot mit Instrumentenflugerfahrung sieht damit ebenso. Daher weiß er auch, daß vor uns gleich Bornholm auftauchen wird. Und tatsächlich. Gerade noch dunkle Silhouette entpuppt sich das schwarze Band als Land. Nach Abmeldung in Berlin sinkt die Cessna« und Peter ruft auf einer neuen Frequenz Bornholm Tower. Dort kennt man den Flieger schon und spricht ihn gleich mit "Postman" an. Ein weiteres melden am Pflichtpunkt, eine 90 Grad-Kurve und die Piste liegt vor uns.

Kleine Insel großer Platz

Trotzdem daß Bornholm um ein vielfaches kleiner ist als Rügen, hat der Flugplatz gewaltige Ausmaße. Kein Wunder. Im kalten Krieg diente er der »NATO« als Vorposten. Heute landen dort nur noch Verkehrsmaschinen bis hin zur »Boeing 737«. Der Tower gibt unsere Landezeit durch. 7.21 Uhr mitteleuropäischer (MEZ) Zeit, aber 5.21 Uhr nach koordinierter Weltzeit (UTC), wie in der Luftfahrt üblich.

Kaum gelandet, kommt ein kleiner Transporter aufs Rollfeld. Sanne Kofoed begrüßt den Piloten wie einen alten Bekannten. Sie holt fast immer die Zeitungen ab. Die Luken werden bald wieder geschlossen und wir melden uns kurz an der Fluginformation. Auch dort ein freundliches "Hello Mister Postman".

Die Abfertigungshalle für den normalen Flugverkehr hat die Dimensionen eines großen Flughafens. Doch sie ist leer. Nur vereinzelt strebt Personal dem gleichen Platz zu wie wir: Ein Kaffee ist jetzt fällig. Doch nicht zu lange, denn vor der ersten Verkehrsmaschine des Vormittags wollen wir wieder am Start sein. Das klappt nicht ganz. Während unserer Anmeldung über Funk im Tower schwebt sie schon im Endanflug. Für uns heißt das warten. Dann geht es 8.21 MEZ wieder gen Rügen. Der Tower entläßt uns am Pflichtmeldepunkt sechs Meilen außerhalb seines Kontrollbereichs mit einem freundlichen "Tschüß bis demnächst." Manchmal hat auch der formale Funkverkehr menschliche Züge.

Wie im schwarzen Sack

Für menschliche Züge bin ich auch später empfänglich, als wir schon lange wieder mit Kurs 229 Grad Rügen ansteuern. Diesmal ist nämlich tatsächlich nichts mehr zu sehen und zum Grau der Wolken in 4.500 Fuß kommt noch Regen. Es wird rabenschwarz um uns herum. Zu allem Überfluß gibt es auch heftige Turbulenzen, die uns hin und her werfen. Es wird ungemütlich. Zwei bis drei Minuten sind die statistischen Überlebenschancen für einen des Instrumentenflugs unkundigen Piloten, wenn er in die Wolken einfliegt. Denn sofort ist jegliche Orientierung dahin und nur Instrumente wie der künstliche Horizont und die elektronischen Navigationshilfen geben die Orientierung, die sonst völlig fehlt. Die Reaktion ist meist Panik. Der Gleichgewichtssinn spielt verrückt. Auch mich beschleicht ein komisches Gefühl ob dieser direkten und sehr ruppigen Natur um mich herum. Die Streben, die die Tragfläche des Hochdeckers abstützen, sind nur noch zur Hälfte zu sehen. So viel zur Sicht. Gerade in einer Kurve, als es meinen Sinnen höchste Konzentration abverlangt, meldet sich die Stimme der Controllerin am Radar über Funk aus Berlin. Beruhigend, daß wenigstens sie den Überblick wahrt, solange wir Kurs und Flugfläche wie geplant halten. Peter Dieckmann erzählt, daß bei guter Sicht der Rückflug oft mit dem von ersten Sonnenstrahlen beleuchteten Königstuhl belohnt wird. Darauf muß heute verzichtet werden. Nur die Berechnung des Navigationssystems sagt uns,daß Rügen naht. Nach Abmeldung bei Berlin Information und umschalten auf die Güttiner Frequenz erfahren wir, daß die Wolkendecke weiterhin gesunken ist. Zielgenau auch diesmal wieder der Anflug, der nach einem erstaunten Blick des Piloten auf die Uhr schneller als erwartet gegangen war. Es gibt also doch noch Überraschungen im Alltag eines solchen Routineflugs.

Diesmal ist es die Stadtkirche von Bergen, deren Antlitz beim Durchbruch der Wolkendecke wieder Orientierung gibt. Mir zumindest, denn Peter Dieckmann hält unbeirrt seinen Kurs und würde sich als Profi über meine Gedanken sicherlich auch belustigen. Anstatt der sonnigen Begrüßung am Königsstuhl hat Flugleiter Rainer Parl auf dem Landeplatz die Beleuchtung und Landehilfen angeschaltet. Diese leuchtet uns nun entgegen und weist den direkten Weg zum Boden. Auch eine angenehme Begrüßung, wenngleich nicht so romantisch. Für einen Piloten, der aus dieser Suppe einen unbekannten Platz anfliegt, dürfte es aber das selbe Gefühl sein, wie für einen Seemann, der den lange erwarteten Leuchtturm endlich sieht. Es ist auch allerhöchste Zeit, denn die tiefer sinkenden Wolken und der mittlerweile strömende Regen wird dem Platz trotz dieses Komforts heute einen ruhigen Tag bescheren. Nur ein Pilot aus Heringsdorf setzt gerade seine Gäste ab und verschwindet mit der letzten Sicht sofort wieder.

Peter Dieckmann geht zum Friseur. Die Zeit reicht gerade noch, seinen schon am Vortag ausgemachten Termin zu halten. Es ist 8.55 Uhr. Etwas später als sonst. Aber alles Routine. Auch für die Insulaner Rügens hat der Tag schon lange mit der Tageszeitung begonnen.
küma

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