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Reportagen / Berichte

Existenzgründung zwischen Theorie und Praxis
Der Tanz um's goldene Kalb dreht sich heute um Fördertöpfe

FördertopfAm Anfang einer Existenzgründung steht häufig die Frage, ob und welche Fördermittel in Anspruch genommen werden. In großen Unternehmen beschäftigt sich mit dieser Thematik meist eine Person. Doch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) müssen das Pensum nebenher erledigen. Die Keramikmeisterin Edith Memmel lud für ihren Verband UnternehmensGrün zum Streitgespräch nach Rügen. Auf einer Veranstaltung im Januar 1999 stellte sie die Frage, ob nicht in der dafür aufgewandten Zeit mit Arbeit und cleveren Verhandlungen besser Geld verdient wäre.

Sassnitz/Rügen ˇ 30 Gäste aus Politik und Wirtschaft waren der Einladung in die Sassnitzer Töpferei am Hafen erfolgt. Zusammen mit ihrer Partnerin Erika Büttner hatte die Keramikerin wie viele andere Betriebe bei der Werkstattgründung 1997 auf Förderprogramme gesetzt, deren Ziel es ist, Wirtschaftsansiedelungen zu unterstützen. Daß im Ergebnis von der avisierten Summe nach 1,5 Jahren gerade ein Drittel kam, das nahezu von den Kosten für Steuerberater und Zinstilgung, von der eigenen Arbeitszeit ganz zu schweigen, aufgefressen worden war, stellten die Unternehmensgründerinnen bei ihrem Eingangsreferat dar.

Gegen den Zentralismus

Subsidiaritätsprinzip nennt sich die Delegierung von Aufgaben des Staates an private Einrichtungen mit dem Ziel, zwar weiterhin zu kontrollieren, aber Entscheidungen von der Politik zu trennen. So wird vereinfacht die Existenz des Landesförderinstitutes (LFI) begründet, das einen Geschäftsbesorgungsvertrag mit dem Wirtschaftsministerium hat. Gerade gegen diese Schlüsseleinrichtung bei der Vergabe von Fördermitteln richtete sich aber die Kritik vieler anwesender UnternehmerInnen. So war Karin Weigel von der Insel Rügen guter Dinge, als sie ihr Projektierungsbüro begann. Sie hatte mit den 35 Prozent errechneter Mittel geplant und man ermutigte sie im LFI 1997 noch dazu, jemanden anzustellen. Weil Frau Weigel große Probleme mit der Lesefreundlichkeit der Unterlagen hatte, kamen immer neue Nachforderungen.

Als der Zuwendungsbescheid im August `98 eintrudelte, war die Freude groß. Doch zu früh. Denn durch ein Mißverständnis bei ihren Angaben unterstellte ihr das LFI im Januar 1999 betrügerische Absicht und der Bescheid verfiel. "Kann das denn sein, daß eine falsche Einschätzung aus Unerfahrenheit zu solchen Folgen führt", fragt die Frau mittlerweile reichlich frustriert in die Runde. Obwohl auf Nachfrage beim Referatsleiter im Wirtschaftsministerium, Rolf Lübke, keine Anträge mit vollständigen Unterlagen über ein Jahr bearbeitet würden, berichtete Edith Memmel von ganzen Akten, die bis zu dreimal nachgereicht werden mußten. Belegen konnte sie das durch Postausgangsvermerke. Vielfach erledigte das der Steuerberater dann gegen Gebühr. Zudem habe man einen abschließenden Bescheid mit Datum vom 15.Dezember 1998 mit Postdatum vom 23. am 24. Dezember erhalten, der nach telefonischer Bestätigung des LFI verfiele, wenn die Unterlagen nicht zum 31. Dezember in Schwerin seien. "Ein purer Zufall, daß eine Mitarbeiterin an Heilig Abend nochmals die Post anschaute und dann nach Rücksprache alles in den Urlaub nachfaxte", empört sich Edith Memmel noch heute.

Rolf Lübke dazu: "Es hat eine eindeutige Dienstanweisung gegeben, die Förderbescheide des Dezember nicht mehr mit dieser Frist zu versehen. Warum dies doch erfolgte, müssen wir zusammen mit dem Postlauf dieses Bescheids prüfen." Edith Memmel hatte an Heilig Abend ihren Steuerberater rausgeklingelt und die Unterlagen per Kurier nach Schwerin geschickt. Der zwecks Neutralität in Sachfragen von den Veranstalterinnen engagierte Moderator Ulrich Langer kennt dort verschwundene Unterlagen auch aus eigener Beratungspraxis und viele Köpfe in der Runde nickten beifällig. Langers Methode: "Man muß persönlich dort hinfahren und ständig präsent sein."

Doch wer soll das leisten ? Die als einzige von drei Landtagsabgeordneten anwesende Kerstin Kassner (PDS) ist selbst im Wirtschaftsauschuß tätig. Sie spricht von Bauchschmerzen beim LFI. "Das sollte eigentlich extra aus der Politik raus um Klientelwirtschaft vorzubeugen, aber die Verwaltung hat sich wohl verselbständigt." 18 Milliarden Mark, so Kassner, seien im Land an Investoren ausgeschüttet worden und davon sollten 200.000 Arbeitsplätze entstehen. "Heute stehen wir in dieser Frage schlechter da, als 1997."

Banken-Tourismus

Den heutigen Tag muß ich mir als Tag der Familienfeiern in den Kalender eintragen, eröffnete Ulrich Langer das Kapitel Banken und deren Umgang mit Existenzgründern. Weil man im Einladungsschreiben wohl etwas zu forsch das Thema angegangen sei, kam von Seiten der Inselbanken fast durchweg eine mit Feierlichkeiten begründete Absage. Ebenfalls vom ursprünglich delegierten Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums. Den Geldverwaltern entging damit eine sehr spannende Analyse ihres Marktes. Denn allein sechs vertretene Firmen pflegen mittlerweile fern des Bundeslandes Bankkontakte.

Der Sassnitzer Uwe Wendt, der mit dem Lackierermeister Joachim Claus statt Arbeitslosigkeit ein Konzept für eine Industrielackiererei auf Rügen umsetzen möchte, fühlt sich zu Unrecht abgewiesen. Grundstücke seien als Sicherheit vorhanden, aber kein flüssiges Eigenkapital. Da nach seiner Analyse der Bedarf aber gerade für Jasmund stark vorhanden sei, vermutet Wendt neben der geringen Kapitaldecke noch andere Gründe.

Handwerker Helmut Zürn aus Poseritz auf Rügen spitzte das zu. Er machte die Erfahrung, daß manchmal ein Kopfschütteln für solche Entscheidungen ausreiche. Von der anwesenden Landrätin Rügens, Karin Timmel, wollte er wissen, ob der Kreis als Mitglied des Verwaltungsrates da Einfluß habe. "Mir ist kein Fall bekannt, bei dem artfremde Kriterien wie Konkurrenz zur Kreditablehnung geführt haben," brach die Landrätin eine Lanze für die Sparkasse. Der Kreditausschuß bestehe aus Fachleuten und Kreistagsmitgliedern, denen die dargelegten Gründe meist plausibel seien. Doch menscheln wird es beim Thema Eigeninteressen vermutlich dort auch. Würde allerdings der Kreis als Gewährsträger solche Kreditvergaben forcieren, müßte er auch willens sein, Lücken zu schließen. Andererseits sei es, wie Karosseriebaumeister Markus Sohn aus Bergen derzeit erfährt, fast günstiger, mit Eigenkapitalhilfen statt Förderprogrammen zu arbeiten, weil die Zinssätze der Banken schneller angepaßt würden. Sohn hätte übrigens wie viele andere Handwerksbetriebe eine sehr spannende Geschichte zum Thema Existenzgründung und Meisterbrief schildern können. Während seiner ersten Betriebsphase mußte er die Werkstatt gleich wieder schließen, weil die Kammer von ihm den kompletten Meisterbrief verlangte, in besagtem Jahr aber gerade ihren fachpraktischen Kurs nicht voll bekam. Statt ihm nun eine Ausnahmebewilligung nach Paragraph acht der Handwerksordnung für ein Jahr zu erteilen, stellte man sich in Rostock stur. Damit war der Jungunternehmer bei guter Auftragslage gezwungen, die Firma fünf Monate zu schließen, um den Meisterbrief in einem anderen Bundesland abzuschließen.

Doch die Vertreter der Kreishandwerkerschaft vor Ort sowohl als auch der Handwerkskammer Rostock blieben fern. Sie hätten sich lieber mit dem Thema Schwarzarbeit statt Liberalisierung im Handwerksrecht befaßt. Daher wurde hier auf eine Vertiefung in der großen Runde verzichtet.

Insgesamt formulierte Moderator Langer die Notwendigkeit, am Vertrauensverhältnis zwischen Betrieben und Banken zu arbeiten. Schließlich komme man auf Dauer nicht aneinander vorbei. Dies soll auf einer Folgeveranstaltung geschehen, zu der auch ein wegen plötzlicher Bonner Verpflichtungen nicht erschienener inselfremder Banker nochmals geladen wird. Ob die Banken für das Thema Risikokredite die richtigen Ansprechpartner sind, sei dann am besten gemeinsam zu klären. Sonst müsse man Ideen abseits der lokalen Institute forcieren, waren sich die TeilnehmerInnen einig. Einige Ideen wurden am Rande bereits laut. Aber das wäre eine andere Geschichte.

küma

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