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Texte / Reportagen

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Bootsbau in der Schülerfirma "Klar Schiff"

Posewald. (ostSeh) "Mal(l) – das steht nicht nur im umgangssprachlichen Platt für "schlecht". Mal, hat auch in der französischen Sprache diese Bedeutung. Im Bootsbau ist der Malblock oder sind die Malspanten frei übersetzt also schlecht und daher überflüssig. Sie sind nur konstruktive Elemente und werden nach Fertigung und Verbund der echten Teile wieder ausgebaut." Nach dieser kurzen Einführung in die Bautechnik eines Bootes durch Bootsbaumeister Philipp Schwitalla staunt nicht nur Projektbetreuer Peter Grotjan. Er betreut drei Schüler der Regionalen Schule Altenkirchen, deren Schülerfirma etwas ganz Besonderes baut: eine Jolle, genauer einen Optimisten.

"Wir packen die an ihrem Hobby", hatte sich Grotjan für sein anspruchsvolles Vorhaben vorgenommen. Und Tatsache. Christian Will (13), Robert Tredup (13) und Tobias Schabacker (14) sind alle drei im Seglerverein SV Breege aktiv und haben daher Ahnung. "Wir wollen schon gerne hier auf Rügen bleiben und einen Beruf lernen, der uns das ermöglicht", stellen sich die Schüler der 7. und 8. Klasse vage vor. Ein Vater hat sie an diesem Tag bei Bootsbauer Philipp Schwitalla in Posewald abgesetzt. "Wir haben so unser Hobby zur Geschäftsidee gemacht", stellt Tobias nüchtern fest. Nun unterstützen sie den Bootsbaumeister , die Vorbereitungen für die Kiellegung zu treffen und lernen, sich in einer Werkstatt und deren Ecken und Kanten zu bewegen. "Wir müssen nun die beiden gebogenen Leisten, die sogenannten Stringer, in Form bringen. Vorher sollten sie geschliffen sein", zeigt Schwitalla, wie es weiter geht. Natürlich hat er schon wesentliches vorbereitet. Dafür bekommt er auch ein Dozentenhonorar. Nun kommt die Esche für die Stringer in einen sogenannten Dampfkasten. Dort wird im Kleinen mit einem Dampfdrucktopf nichts anderes gemacht, als auch für Planken größerer Kutter in größeren Dampfkästen, auch Steamer genannt. Der Dampf im abgedichteten Kasten kocht das Holz weich. Nach rund zwei Stunden lässt es sich in Form bringen und in den Blöcken oder Spanten der Jolle durch Ausschnitte und Schrauben befestigen. Und behält dann die neue, gekrümmte Form bei. Viel Wissen, das sich da um die beiden kleinen Leisten für die Schüler anhäuft. Immer wieder zeigen sie jedoch wie beim Auspacken des Materials für die Takelage, dass sie schon viel Ahnung vom Segeln haben. Genau die richtige Wahl also. "Klar Schiff" soll dann auch ihre Firma heißen, einigen sie sich nebenbei mit Grotjan.

Robert Tredup (13) und Tobias Schabacker (14), Christian Will (13) Regionale Schule Altenkirchen und auch aktiv beim Segelclub SV Breege, sollen den Optimisten bis zu Ende bauen. Mit dem Verkauf auf der Holzmesse im Juni soll das Material für einen neuen Optimisten der Schülerfirma Robert Tredup (13) und Tobias Schabacker (14), Christian Will (13) Regionale Schule Altenkirchen und auch aktiv beim Segelclub SV Breege, sollen den Optimisten bis zu Ende bauen. Mit dem Verkauf auf der Holzmesse im Juni soll das Material für einen neuen Optimisten der Schülerfirma
Robert Tredup (13) und Tobias Schabacker (14), Christian Will (13) Regionale Schule Altenkirchen und auch aktiv beim Segelclub SV Breege, sollen den Optimisten bis zu Ende bauen. Mit dem Verkauf auf der Holzmesse im Juni soll das Material für einen neuen Optimisten der Schülerfirma Robert Tredup (13) und Tobias Schabacker (14), Christian Will (13) Regionale Schule Altenkirchen und auch aktiv beim Segelclub SV Breege, sollen den Optimisten bis zu Ende bauen. Mit dem Verkauf auf der Holzmesse im Juni soll das Material für einen neuen Optimisten der Schülerfirma

Robert Tredup (13) und Tobias Schabacker (14), Christian Will (13) Regionale Schule Altenkirchen und auch aktiv beim Segelclub SV Breege, sollen den Optimisten bis zu Ende bauen. Mit dem Verkauf auf der Holzmesse im Juni soll das Material für einen neuen Optimisten der Schülerfirma "Klar Schiff" finanziert werden, kautet das ehrgeizige Ziel. Hier bei den Arbeiten für die Kiellegung in der Posewalder Werkstatt von Philipp Schwitalla.

Zum Hintergrund sagt Projektbetreuer Peter Grotjan, dass die Schülerfirma für dieses modellhafte Projekt etwas mehr Mittel als sonst von der GSA erhalten hätte. Gesellschaft für Arbeitsmarkt- und Strukturentwicklung heißt die 100-prozentige Tochter des Wirtschaftministeriums, die Grotjans Junior-Jobmotor Biosphäre dabei unterstützt, weil hier statt in Plan- und Börsenspielen echtes Handeln favorisiert wird. "Die real beim Finanzamt angemeldeten Firmen agieren wie im richtigen Leben", sagt Grotjan, während er den drei Bootsbauern nebenbei noch einige Formalitäten abluchst. "Das müsst ihr mit eurer Schule wegen der Versicherung klären", legt er die Verantwortung für die Fomulare in deren Hände. Und ist froh, dass es sich hier einmal nicht um Catering an der Schule handelt. Im Juni soll der neugebaute Optimist fertiggestellt sein. "Wir stellen ihn dann zusammen mit dem Meisterstück von Herrn Schwitalla auf der Holzmesse in Lauterbach aus. Verkauft soll der Opti dann werden, um neues Material für einen weiteren Bau zu kaufen", sagt Christian. Schließlich beginnt die Schülerfirma ja erst.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

Vergessen und versteckt: Wrackteile in Sassnitz?

"Wieso soll das Museum für Unterwasserarchäologie keinen Leiter mehr haben? Der Leiter bin ich!" So äußerte sich Dr. Friedrich Lüth, der frühere Direktor des Landesamtes, nach Auslaufen der Verträge von Aufbaudirektor Hanz-Günter Martin. Seit fast fünf Jahren ist der Glasbahnhof trotz Sanierung und seiner konzeptionellen Einzigartigkeit geschlossen. Die neue Brücke würde die Besucher direkt ins Museum schwemen.

Sassnitz. (ostSeh) Dr. Hanz-Günter Martin erinnert sich: "Wenn ich an die Stimmung und die Atmosphäre im Museum des Jahres 2004 denke, so kann ich davon nur ein positives Bild zeichnen. Soweit es Sassnitz und Rügen betrifft. Die Besucherzahlen waren in den drei Jahren davor kontinuierlich gestiegen und wir blieben auch 2004 im Trend. Es waren nicht die Riesenzahlen des U-Boots, aber wir profitierten deutlich. Der Umbau der Gellen-Kogge in eine Art Unterwasserinszenierung war abgeschlossen und fand bei den Besuchern Anklang.
Vor allem aber hatte ich den Eindruck, dass das Museum auf Rügen ‚angekommen’ war. Wir erfuhren vielfältige Unterstützung. Die Sparkasse mit Herrn Ostermoor hatte uns eine größere Geldspende überwiesen, damit wir das Gellenwrack inszenieren konnten. Herr Parlevliet von Eurobaltic hat uns und auch dem Hafenmuseum zu seinem Einzug 10 000 Euro geschenkt. Herr Rohrbeck von der Sassnitzer Hafen Gesellschaft (HBEG) hat großzügig und langmütig erlaubt, dass wir das Obergeschoss der Fischhalle zur Lagerung von Spanten der Poeler Kogge nutzen konnten. Herr Knoth von den Kreidewerken war bereit, uns seinen größten See als Deponie für Schiffwracks zu überlassen. Und Herr Beck von Scandlines wollte einiges in den Museumsbau investieren. Seine Voraussetzung: dass es für das Museum eine Zukunft in Sassnitz gäbe, was damals auch zugesichert wurde. Gelogen, wie wir heute wissen. Dies alles zeigt, wie verankert das Museum nach drei Jahren kontinuierlicher Führung auf der Insel war. Und dies war durchaus ausbaufähig."

Martin hatte 2002 einen Masterplan, erstellt, der in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollte. Die Gellenkogge war ja schon realisiert worden, es sollte ein Ralswiek-Boot aufgebaut werden und auf der großen freien Fläche im Untergeschoss die Rekonstruktion der Poeler Kogge stehen. Von ihr ist der gesamte Boden erhalten. Laut Martin war das so angedacht, dass man auf Stegen in, bzw. über der Kogge laufen konnte. Also Schiffe im Untergeschoss und oben die Funde daraus. "Da gab es schon Funde zur Mynden und zur Auguste und weiteren fünf bis sechs Schiffen, die rund um Rügen gefunden worden waren. Dies sind die groben Linien des Ausbaus, der leider nicht weiter als bis zum Anfang der Rekonstruktion des Ralswiek-Bootes gediehen ist."

Das zwischenzeitlich wärmeisolierte Café und der Museumshop hätten für Events herhalten können. Dies hatte sich zuvor schon eingespielt, wenn etwa die Segler des Four Corners Race ihren Empfang im Museum machten oder die Stadt die Architekturwettbewerbsausstellung zum Hafenumbau dort veranstaltete. Aufbruchsstimmung also vor Ort. "Das alles wurde von Schwerin, sprich dem zuständigen Landesamt immer wieder behindert und ausgebremst", so Martin.

Sorgen machen Hanz-Günter Martin die Exponate, besonders die Schiffshölzer, die in Sassnitz liegen. Die Hölzer der Gellenkogge seien damals täglich mit einer PEG-Lösung besprüht worden. Von der Restauratorin sollten in regelmäßigen Abständen Proben gezogen werden um festzustellen, wie weit das PEG in die Spanten und Planken bereits eingedrungen ist. "Ich bezweifle, dass diese Tests in den letzten Jahren durchgeführt wurden. Ob das Wrack weiter besprüht wird, weiß ich nicht. Auch die Hölzer des Ralswiek-Bootes liegen, so weit ich weiß, immer noch in den damals eigens dafür aufgestellten Regalen, wo sie allerdings gelegentlich dem prallen Sonnenlicht ausgesetzt sind. Die Hölzer sind an sich fertig konserviert. Pralles Sonnenlicht und die damit verbundene Hitze schadet ihnen jedoch, weil das Kunstwachs sich dann wieder verflüssigt.
Die Spanten der Poeler Kogge, die wir damals mit einigem Aufwand von Schwerin nach Sassnitz transportierten und in der Fischhalle lagerten, wurden dort ebenfalls mit täglicher Sprüh-Konservierung behandelt.

Gute Chancen für eine gute Zukunft des Museums gibt Martin diesem noch heute, verhehlt jedoch auch seine Wut nicht, dass alle Mitarbeiter der Abteilung Unterwasserarchäologie beim Landesamt damals am ausgestreckten Arm verhungert seien. "Und es gilt für das Museum wie für fast alle Kulturprojekte: Aufbau und Positionierung sind mühsam und langsam, kaputt geht es schnell."

Auch der Unterwasserarchäologe Dr. Thomas Förster sorgt sich sehr um die Exponate. Das gut erhaltene Ralswiekboot sei in Einzelteilen 2000/2001 nach Sassnitz gebracht und dort für alle Besucher sichtbar in einem Regalsystem gelagert. Die Teile waren Minusgraden und direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt, so dass das PEG nach und nach austrat, sich die Teile verformten und sich weitere Trocknungsrisse bildeten. "Ich habe mehrfach im Amt auf diesen Zustand hingewiesen. Der damalige Leiter des Museums, Dr. Hanz-Günter Martin, unterbreitete Friedrich Lüth verschiedene Vorschläge zum Aufbau des Bootes, die sich im Wesentlichen an den Roskilder Booten orientierten. Sie wurden abgelehnt oder gar nicht beachtet!"
Aus Försters Sicht war die PEG-Konservierung nicht falsch. Doch man hätte das Wrack sofort zusammensetzen müssen, nachdem die Planken aus der Heißtränkung kamen. Die Planken waren im Zustand trotz der Bunkerlagerung noch ganz passabel und biegsam wie Pappe. "Hätte man sie nach dem Roskilder Fund sofort in ein Stahlkorsett platziert, dann wäre die Konservierung gut gelungen. Wie der jetzige Zustand der Hölzer ist und wo sie gelagert werden, weiß ich nicht."

Der Dezernatsleiter Archäologie im Landesamt, Dr. Detlef Jantzen äußerte sich auf Nachfrage zu den in Sassnitz eingelagerten Schiffsfunden: "Im Museum für Unterwasserarchäologie befinden sich Teile des Ralswiek-Schiffes, die seinerzeit fachgerecht konserviert worden sind. Sie befinden sich in stabilem Zustand. Das gleiche gilt für das Gellenwrack. Beide werden regelmäßig durch einen Restaurator begutachtet. Ein Verfall ist nicht zu befürchten und die extremen Verhältnisse sind durch die zwischenzeitlich mögliche Temperierung des Gebäudes aufgehoben. Frost und Feuchtigkeit kommen nicht mehr hinein. Durch die eingebaute Dämmung fallen auch die Temperaturspitzen deutlich geringer aus. Ein ‚Ausschmelzen’ des PEGs ist unter diesen Voraussetzungen nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht zu befürchten. Zur Sicherheit findet in regelmäßigen Abständen eine restauratorische Kontrolle statt. Sollten sich Anhaltspunkte für Probleme ergeben, werden wir natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen."

Ebenfalls in Sassnitz, aber in einer Halle eingelagert, befänden sich Teile der Poeler Kogge. Diese seien mit PEG getränkt und dadurch inzwischen auch in stabilem Zustand. "Ein Verfall ist auch hier nicht zu befürchten."
Vor einiger Zeit sei außerdem mit Bohrungen überprüft worden, ob das PEG auch den Kern der dicken Schiffshölzer erreicht hat. Dabei habe man festgestellt, dass das PEG im Kern angekommen sei, so dass auch keine Zersetzung von innen heraus stattfinden könne. "Ein weiteres Besprühen mit PEG ist deshalb nicht erforderlich."

Beim Stichwort Ralswiekwracks landet man last but not least unweigerlich bei deren Entdecker von 1967, dem Archäologen und Prähistoriker Peter Herfert. Drei Wracks mit ältester erforschter Datierung des Jahres 977 hatte er damals in zehn Zentimeter Tiefe unter Wasserspiegel südlich in Ralswiek gefunden. Weil Archäologen alle Grabungen zusammen mit dem Schulleiter Günter Bovensiepen in Ralswiek aufmerksam begleitet hatten.
Herferts Kernthese: "Wie haben nach dem Fund die Wracks von Ralswiek nach reiflicher Überlegung wieder in Sand eingegraben, weil der damalige Kultusminister Klaus Gysi uns zwar Geld für die Bergung und Konservierung besorgt hätte. Geld für die Ausstellung hätten jedoch die Rüganer für das geplante Museum in Ralswiek rund um das Gutshaus auftreiben müssen. "Wir beschlossen, dass die 1000 Jahre alten Wracks auch gut noch länger dort liegen könnten, bis es etwas anders zur Konservierung als Polyäthylenglycol (PEG) gibt. "Die Probleme, die wir 1967 mit den Bootsfunden hatten, waren im Jahr 1992, 26 Jahre später, noch genau die selben. Die Unerfahrenen neuen Kräfte wie der Chef des Landesamtes, Friedrich Lüth jedoch ignorierten das. Ohne gesetzliche Grundlage kamen die ersten Ralswiek-Funde von Stralsund nach Schwerin. Heide Großnick, damalige Landtagsabgeordnete, setzte gegenüber Lüth durch, dass der Pragraph elf des Landesenkmalgesetztes beinhaltete, dass Funde in der Regel in den Fundregionen verbleiben. Dieser Absatz fiel 1998.
Herfert unterstellt, dass die Bergung der Boote damals mit weniger Mitteln und Erkenntnissen als 1967 eine reine Profilierungssache war. "Ich hätte es gerne mit Polyurethan im Block gesichert, statt es Planke um Planke unter Zerstörung der Holznägel zu bergen. Mittel und Methoden waren seit 1990 schlechter als zu DDR-Zeiten und daher die Bergung eigentlich sinnlos. "Die Kiele hatten sich dann 1993 bei der Warmkonservierung verdreht und so nahmen die Schäden ihren Lauf. Es bestand nicht die geringste Gefahr, hätte man die Boote weiter im Sand liegen lassen. 1993 war alles noch steinhart", sagt Herfert.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

INFO

Ralswiek war das wirtschaftliche Zentrum der Ranen. Begünstigt fast in der Mitte Rügens durch seine Lage an einer sicheren und geschützten Binnenküste. Noch vor einem halben Jahrhundert wusste niemand, welche Schätze dort schlummerten. Erst 1963 wurde bei der Erforschung des Hügelgräberfeldes in den Schwarzen Bergen auf weitere Funde abgehoben.

Mehr als 400 Grabhügel befinden sich auf den Anhöhen und Hängen. Von 1972 bis 1986 wurden mehr als 300 davon ausgegraben. Die zugehörige große Siedlung, die mehr als neun Hektar bebauter Fläche einnahm, befand sich in der heutigen Ortslage auf einem Strandwall, dreiseitig vom Wasser umgeben. Den Grundriss der Siedlung mit Hafenbuchten, Kultstätte und den Fundstellen der vier Bootswracks liegt südlich. Die Blütezeit des Seehandelsplatzes lag im Zeitraum zwischen 750 und 1150 (kurz vor der Christianisierung).

Aus dem Nebel am Bollwerk aufgetaucht

Lohme Barth. Die Barther Kirchenglocken läuten den Sonntag ein. Durch das Tor der Schiffswerft passiert eine kleine Gruppe einen Raddampfer im Retro-Look. Bootsfrau Anja Lawatsch bewundert dessen Bugstrahlruder. Sie ist Miteigentümerin des echten Oldtimers MS Lamara und an mit Kapitän Heiner Olbert auf Tour. Das Motorschiff Lamara soll wieder an seinen Stamm-Liegeplatz Baaber Bollwerk auf Rügen überführt werden. "Als das Unterwasserschiff fertig war, kam das Eis. Die neue Farbe wollten wir da nicht riskieren", sagt Olbert zur langen Werftzeit. SUK hat das Schiff bekommen. Das ist der Schiffstüv. Und wie das so ist bei einem fünfzigjährigen Oldtimer, ging es um Details. "Als die Ruderwelle, bisher aus Stahl, wegen ein paar Millimeter Spiel zum neu Lagern rauskam, stellte sich oben heraus, dass große Riefen sich eingefressen hatten. Was tun? Wir bestellten eine aus Edelstahl, mussten jedoch bis zu deren Fertigstellung wieder vom Slip ins Wasser", führt Olbert weiter aus. Der Rumpf sei beschallt worden, um die aktuelle Dicke zu prüfen. Die schwindet, weil trotz der sogenannten Opferannoden zum Ableiten des durch Bewegung entstehenden elektrischen Stroms der Stahl langsam dünner wird. Opferannoden wurden ebenso erneuert wie das Ruderblatt geprüft und der Unterwasserantrich aufgefrischt. Am Schornstein wurde das Lamara-Zeichen von der Rumpf-Spitze aufgeschweißt und das vormals unklare Ocker nun auf ein echtes Gelb erneuert. "Eine Saison wird die Amortisation der Kosten wohl benötigen, wenn diese einigermaßen gut ausfällt", rechnet Olbert.

Dann zieht er sich mit dem für die Überfahrt mitgenommenen, befreundeten Navigator Jürgen Seele auf die Brücke zurück. Der Barther Bodden ist im Zickzack zu befahren und birgt viele Gefahren durch Untiefen.

Kurz darauf steht Heinrich Olbert im Blaumann im Maschinenraum. Die Kipphebel der Ventile müssen vor dem Start und dann alle zwei Stunden geschmiert werden. Klassische Arbeit mit dem Ölkännchen für den Schmiermaxen. Der heißt in unserem Fall Matrose und Anja Lawatsch, die sich zwischen Gästen, Maschine und den anderen, beweglichen Arbeiten an Bord bewegt. Olbert erklärt vor dem Start das Phänomen Wasserschlag. "Das geschieht bei Wasser im Zylinder, das sich im Gegensatz zu Gasen nicht verdichten lässt. Daher wird jeder Kolben in eine bestimmte Position gedreht, um Wasser auszuschließen. Ein Wasserschlag bedeutet Explosion und das absolute "Aus" für einen Motor." Doch natürlich startet die Maschine und nach Übergabe der Papiere von Produktionsleiter Matthias Moritz dreht Heiner Olbert die Lamara auf der Stelle im Hafen auch ohne Bugstrahlruder und steuert sie der Ausfahrt entlang der Barther Stadtkulisse zu. Zeit zu erzählen, da Nebel und Dunst jegliche Optik an Land schlucken.

1990 fand die Lamara von Laboe kommend in Baabe eine neue Heimat, springt Olbert 2003 zur zur Übernahme mit Anja Lawatsch. Als die frühere Beamtin Lawatsch und Olbert als Fluss- und Hafenkapitän den Betrieb aufnahmen, trafen sie einen Fahrgast aus Wewelsfleth, der in der Werft von der Lamara erzähle. Nur kurze Zeit später kam so Manfred Kleinke, Vorstandsvorsitzender der Peters Schiffbau AG, vorbei. Die bauen heute Megayachten, Passagier- und Containerschiffe. Während einer Fahrt um die Insel Vilm habe Manfred Kleinke aus der Vergangenheit erzählt und wie das Schiff 1959 mit der Baunummer 500 für einen Kieler Reeder gebaut worden sei. Als Seeschiff für sogenannte Butterfahrten nach Dänemark.

Das Kommando für Dieter Partsch, den Masten zu klappen, erinnert dann an die Gegenwart mit dem nahenden Rügendamm. Drunter durch und 16.18 ist die Lamara nach Fahrt durch die Having wieder im Binnengewässer. Gegen 16.52 Uhr liegt sie nach sechs Stunden Fahrt fest. "Wir haben noch vier Wochen, bis die Saison beginnt, weiß Anja Lawatsch. Und am 14. Juli wird mit der Lamara Geburtstag gefeiert", kündigt der Kapitän an.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

INFO

Der Schiffsdiesel MAK MV 36 wurde 1959 nach der Kiellegung als Sonderborg auf der Werft Hugo Peters in Wewelsfleth an der Stör eingebaut. Bei einer Umdrehung von 500 U/Minute bringt der „Langhuber“, also ein Motir mit langem Hubraum, 118 kW, was 160 PS entspricht, auf die Schraube. Er treibt damit 124 Tonnen bei einer Verdrängung von 113,85 Kubikmetern. Die Maße der LAMARA belaufen sich 29,33 Meter Länge, 5,86 Meter Breite und 1,50 Tiefgang. Da die alte Dame, deren runder Geburtstag am 14. Juli 2009 gefeiert wird, für die Hochsee als Butterschiff unter dem Namen Sonderborg gebaut wurde, ist sie als Oldtimer im Bodden noch immer mehrfach abgesichert. 1961 ging ihr Weg als Fair Lady in die Niederlande, 1974 nach Kiel wo sie ab 1975 in der Kieler Förde lief. 1990 kam sie als Lamara nach Rügen. KÜMA

Fliegenfischen an der Ostseeküste

Bernd Ziesche ist ein professioneller Fliegenfischer. Die OZ begleitete den 34-jährigen Angel-Guide einen Tag lang bei seiner Jagd nach Meerforellen in der Ostsee bei Lohme.

Lohme Kräh, kräh, und nochmals. . . Der Lohmer Hafen liegt im Nebel versunken und auf den Bäumen sitzen sie und rufen. Niemand scheint auf den Beinen. Weder Touristen noch Gastgeber. Bei diesem Wetter kaum verwunderlich. Neben-, Nach- oder auch keine Saison. Eigentlich. Doch nachdem ich mich vorsichtig die gefrorenen 213 Stufen bis zum Hafen hinabgetastet habe, der neben dem Museumsschiff "Tortuga" und den Arbeitsbooten des Fischers fast leer ist, sehe ich nahe des Schwanensteins eine rote Weste. Mitten im eiskalten Wasser. Meine Verabredung.

Es ist Bernd Ziesche (34), Profi-Angler aus Glücksstadt und hier an der Lohmer Küste auf Meerforellen aus. Als er meiner gewahr wird, schiebt sich der drahtige Mann aus dem eiskalten Wasser. Fast wie schwebend über den Nebel. Seine Kunden sind angesichts des Wetters heute gleich im Bett geblieben. "Meerforellen mögen die Temperaturumstürze nicht und das ruhige Wasser enttarnt die künstlichen Köder beim Fliegenfischen schnell", begründet er. Er zeigt mir Netze direkt an der Küstenkante. "Wären wir zu dritt, hätten wir schon wieder umgedreht. In Meck-Pomm muss ich 100 Meter Abstand zu Netzen halten. Dort ist der Nationalpark und hier nahe dem Hafen geht es alleine gerade so. Wer die Steilküste irgendwo herunterkommt, und dann auf 1000 Meter Netze entlang der Küste stößt, ärgert sich wegen dieser Vorschrift und kommt nie wieder. Dabei wäre das für Rügen der Tourismus der Nachsaison." Fliegenfischer, so erfahre ich bibbernd, seien also netz- und doppelt windanfällig. Einmal für zu viel und dann für zu wenig Wind. Doch was sind "Fliegenfischer"? Kennern des Filmes ‚Aus der Mitte entspringt ein Fluss' muss Ziesche nicht viel erzählen. Eine fast spirituelle Verfilmung mit Robert Redfort und Brad Pitt von 1992, basierend auf einen Roman von 1976.

Ziesche stakst vorsichtig mit seinem Neopren-Anzug und seinen Füßlingen, am Leib die rote, geschlossenen Anglerweste, über die glitschigen, gefrorenen Steine. Hinein ins tiefere Wasser an der Küstenkante und führt mir das vor.

Die kleine, offene Box, die am Rücken angeschnallt, wie ein Behältnis für Beute aussah, hat er sich am sicheren Standpunkt im hüfthohen Wasser nun vor den Bauch gedreht. Seine lange Angelrute mit wenig Firlefanz. Nur eine Trommel von knapp zehn Zentimetern Durchmesser wirft er jetzt in eleganten Bewegungen immer wieder mit dem Fliegenköder aus. Die dabei abgewickelte Sehne kommt der Einfachheit halber beim ruckartigen Ziehen nicht mehr auf die Trommel sondern in die Box. Von der er sie beim Auswerfen entnimmt. Mit bloßen Fingern.

Rundherum wabert der Nebel, die Kälte dringt schon am Steinstrand durch alles, was nicht aus Leder oder Neopren ist. Trotzdem angelt Ziesche mit Hingabe in der Nähe eines Felsens, bevor er wieder mal an Land kommt. "Die Hände", denke ich, "eigentlich müssten sie ihm abgefroren sein".

"Der einzige, wirklich neuralgische Punkt", bestätigt er. Alles andere könne man schützen. Beim Aufwärmen erzählt er davon, wie die Meerforelle, die auf Rügen kaum jemand kennt, weil sie meist als Lachs verkauft wird, in Dänemark den Tourismus belebt hat.

"100 Dänenkronen (DK) Wertschöpfung wird in Dänemark für die vom Fischer gefangene Meerforelle taxiert, 2500 DK jedoch für die des Anglers", sagt er, der seine Gäste meist nach Dänemark und nur selten nach Rügen führt. "Dabei wäre das hier selbst für viele Dänen genial, da sie zwischen Bodden mit Hecht und Ostsee mit Meerforelle wählen könnten. Aber die Politik hier ist mehr auf die Lobby der Fischer statt auf ein Miteinander orientiert", moniert er. Das beginne mit der Transparenz für das Geld, das der Angelschein koste. In Dänemark gehe das direkt in den Besatz für Meerforellen. Hier verteile es die Politik. Irgendwie.

Dann führt er aus eigenem Erleben an, dass Fischer in Vitt pro Fahrt gut mal 100 Meerforellen aus den Netzen holen. "Das kann 4000 bis 5000 Meerforellen pro Saison bedeuten. Wenn ich als Angelprofi die Woche drei erwische, ist das schon ein Erfolg! Angler sind in diesem Fall keine Bedrohung", glaubt er. Dabei spielt er auf die heimliche Konkurrenz und die Annahme mancher Fischer an, Angler verdürben ihnen das Geschäft. "Das gleich zu setzen, ist eine Idiotie." Seiner Meinung nach könne die Insel gerade in dieser Jahreszeit von den Anglern touristisch profitieren.

An diesem Tag geht Ziesche noch ein drittes Mal nahe dem Schwanenstein ins gerade einmal zwei Grad kalte Wasser. Die Steine knirschen, die Wellen rascheln. Der Angler bleibt jedoch erfolglos. Damit steht er jedoch nicht allein, der Fischer, der bei einem kurz aufkommenden Sonnenstrahl seine zehn Netze links und rechts vom Hafen kontrolliert hat, bringt auch keine Beute zurück. Für den Vollprofi Bernd Ziesche ist auch das kein Probleme. Trotzdem hätten Angler auf Rügen Miete bezahlt, gegessen, eingekauft und wären eingekehrt. Das ist es wohl, was er bei seiner Rechnung meint.

"In Dänemark", so erläutert Ziesche noch einmal, "wird beim Angeln sogar zwischen den silbernen und den bräunlichen Forellen im Laichkleid unterschieden". Die Angler würden die im Laichkleid von September bis Dezember vom Haken wieder ins Wasser werfen und so die Schonzeit ohne Verluste reduzieren. "In MV ist das verboten und daher kommt im Dezember niemand. Die Dänen wiederum wollen ihre Angler behalten und machen das richtig gut." Sein heimlicher Favorit bleiben dennoch die naturbelassenen Küstenabschnitte mit Seeadlern und Fischottern. "Das findet man nur an den Rügener Stränden", betont Ziesche. Er begrüße die Schutzzonen, über die, wie er findet, allerdings zu wenig aktiv informiert werde. "Von Dänemark bekomme ich Post darüber frei Haus. Als Käufer eines Angelscheins bin ich ja bekannt. Und als Veranstalter bin ich den Dänen eben sehr wichtig. Damit ich meine Gruppen wieder dorthin begleite." Die Netze der Fischer übrigens, so fällt ihm noch ein, stünden in Dänemark 200 Meter ab von der Küste. Genug Platz für ein gutes Nebeneinander. Die Krähe stört das nicht: Krah, krah.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

Wandern mit Senkblick in den schwarzen Bergen

Den Treffpunkt "Schwarze Berge" hatte der Naturschutzwart und Bodendenkmalpfleger Volker Rösing angeregt. Hätte er nicht zusätzlich den Parkplatz Ralswiek als Start für seine Wanderung genannt, wäre das Ankommen auch für manche Rüganer schon problematisch geworden. Das zeichnet seine Touren aus: "Manchmal wissen auch Rüganer nicht, wo es hingeht."
Dabei liegt das heutige Ziel nahe der Bundesstraße 96. Aber dafür gut versteckt im Wald. Zehn Wanderer treffen sich tatsächlich an einem kalten, aber sonnigen Sonntag. Kurze Begrüßung und los! Dass es zehn Euro pro Kopf kostet, muss er der Form halber mal sagen. Dann, am Ende des Parkplatzes taucht die Gruppe schon in den Wald ein. "Die Pfosten mit den geschnitzten Gesichtern stammen von einem Projekt, das hier vor zehn Jahren einen Slawen-Pfad etablieren wollte. Das blieb davon übrig." Metallene Pfosten undein Kabel deuten auf Laternen hin. Aus der Zeit, als der Weg zu den Störtebeker-Festspielen noch hier lang ging. "Slawen und Störtebeker hätten eine gute Verbindung ergeben", meint der Führer. Hat aber nicht sollen sein.
Volker Rösings (58) Thema ist die Regionalgeschichte Rügens. Die wirklich frühe. Damit hat der frühere Veterinär nach einem Aufbaustudium selbstständig gemacht. Und stößt in eine Lücke, die Hotels nicht füllen können. Volkshochschulen, der IHK, am liebsten jedoch Wanderern auf solchen Touren, lässt er sein Wissen zukommen.
Die Gruppe taucht mit dem Wald auch ein ins achte bis elfte Jahrhundert. Um schon nach wenigen Metern im Privatforst auf Hügel zu stoßen. "Rügen ist das größte, zusammenhängende Gräberfeld Europas. Alleine hier sind 415 Gräber auf einer Fläche von 700 auf 400 Metern zu finden."
Die Wanderer dürfen den befestigten Pfad, der den Slawen schon für ihre Karren mit schwerer Fracht gedient hat, in Richtung der Hügel verlassen. Parkplatz und die nahe Bundesstraße sind vergessen.
"Vermutlich sozial höhergestellte Persönlichkeiten sind verbrannt, die Asche in Urnen gebettet und unter einem Erdhügel bestattet worden", erläutert Rösing eben und sammelt die Gruppe auf einem solchen Hügel. "Außer einer Bronzeschüssel mit der Verpflegung für die lange Reise gab es kaum Beigaben. Gefunden bei Grabungen wurde hier eben mal eine Tüte voll", sagt der Experte. Eine Erkenntnis, welche die Gräber auch schützt, denn wenn auf Rügen geraubt wird, dann professionell. "Behütet hat sie auch der frühere Förster Detlef Noerenberg. Er hielt hier seine Hand immer schützend darüber."
Dennoch sind 45 Prozent aller Bordsteine Stralsunds aus Rügener Findlingen. Nicht selten von Gräbern. Und von den in Hagenows Karte des 18. Jahrhunderts verzeichneten 256 Großsteingräbern existieren nur noch 55. Die "Wanderer des Nordens", wie andere die eiszeitlichen Findlinge nennen, wurden bis zum Schutz durch die preußische Regierung gewinnträchtig verkauft.

Weiter den Pfad abwärts. Dort lag der Seehandelsplatz Ralswiek. "Verschollene Seeleute erhielten ebenfalls zum Schein eine Bestattung". Das verlangte der Brauch. Auch daraus lässt sich die Anzahl der Gräber erklären. Denn der Hafen Ralswiek war als Umschlagplatz international bedeutend." Dies bestätigt ein Teilnehmer, der hier einen Schatz von 2,5 Kilogramm Hacksilber, darunter auch arabische Münzen, in seiner Jugend mit entdeckt hat. Vier Boote der Slawenzeit gelten als wichtige Zeugnisse, wenn auch manche Teile davon heute wegen unsachgemäßer Behandlung durch die Experten des Landesamtes nach der Konservierung unbrauchbar sind. Leider hat hier auch der Kulturdezernent des Kreises Rügen Anfang der 1990-er Jahre in Ralswiek eine Ausstellung zur regionalen Geschichte zugunsten der Störtebeker-Festspiele aufgegeben. "Es wäre wie der Slawen-Weg eine wunderbare Verbindung mit zahlreichem Publikum gewesen", sinniert Rösing heute und die pensionierte Schuldirektorin Helga Mertens stimmt ihm zu. Die Wanderung ist eine wunderbare Ergänzung und Anregung", tut sie begeistert kund.
Im 12. Jahrhundert wurde der Handelsplatz wegen der größeren Schiffe aufgegeben. Ende des 14, Jahrhunderts starb der nach der Christianisierung letzte Slawe auf Rügen. "Da hatten manch andere Regionen schon über 1000 Jahre christliche Tradition zu verzeichnen", gibt Rösing Hilfestellung, was an diesen Zahlen bedeutsam ist. Und wie der Rauch aus den rohrgedeckten Katen mit dem Wind abzieht, ein Reiher auf dem Eis eines Fisches harrt, so bleiben auch die Gedanken weiterhin in einer anderen Welt.
Rösing jedoch hat schon wieder neue Schwerpunkte. Auf einem Steg kommt er zum Schädel mit Löchern und Schabespuren. Gefunden wurde der 1999 bei Drigge." Er weiß, dass sich die anfängliche Mutmaßung von Kannibalen doch als erste Operationen zur Linderung des Drucks im Schädel entpuppte. Doch keine Kannibalen auf Rügen, wie 1999 vermeldet.

Rösing holt Waffenreste, Pfeilspitzen, Beilfragmente und Tonscherben aus dem Rucksack, verspricht zudem an der nächsten Station eine kleine Sensation. Dafür geht es erneut den Berg hinauf.

"Dies hier könnte der 29. Burgwall auf Rügen sein", begeistert er die schon etwas matten Wanderer aufs Neue. Die Fotoapparate klicken und ein einsames Pärchen mit Glühwein wird trotz Kälte kurz auf einer Bank gestört. Nach der aktuell geführten Debatte um die Neubewertung anderer Burgwälle Rügens bleibt er jedoch noch vage. "Es muss erst alles offiziell bestätigt werden. Und das dauert".

Faksimile OZ vom 29.01.2009 Rügener Zeitung Seite 11 | www.spurensuche-ruegen.de

Zeittafel

ca. 8 000 v. Chr. Die Besiedlung Rügens und Hiddensees in der mittleren Steinzeit wird durch Funde von Pfeilspitzen bei Bergen, Stedar und Silvitz und einer Harpune aus Rentiergeweih bei Venz belegt. Der dortige Burgwall gewinnt eben neue Bedeutung.
4 000 bis 3 000 v. Chr. Lietzow-Kultur; benannt nach dem Ort zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder Bodden. Reicher Bestand an Feuersteingerät sowie dem ältesten menschliche Schädel auf Rügen.
3 000 bis 1 800 v. Chr. In verschiedenen Regionen Rügens entstehen Großsteingräber.
ca. 1 800 v. Chr. Einzelgrabkultur löst die Kultur der Großsteingräber ab.
1 800 bis 600 v. Chr. Bronzezeit – Urnefriedhöfe lasse nden Schluss zu, dass die Verstorbenen verbrannt wurden. Bestattung in Hügelgräbern Funde von bronzenen Waffen und Schmuckstücken.
600 v. Chr. Bis 75 n. Chr. Funde römischen Kunsthandwerks, vermutlich aus Tauschhandel stammend.
3. bis 6. Jahrhundert Zeit der Völkerwanderung – die Rugier verlassen Rügen und Hiddensee.
7. bis 13. Jahrhundert Seit Beginn des 7. Jh. besiedeln die aus Südosten kommenden Ranen die inzwischen fast entvölkerte Inseln. Die Tempelburg Arkona wird nach der Zerstörung der Kultstätte Rethra (bei Feldberg in Mecklenburg) zu einem der wichtigsten Heiligtümer der Westslawen. Auf dem Rugard bei Bergen entsteht das Verwaltungszentrum der Slawenfürsten.
um 1 000 Erste schriftliche Zeugnisse über die Insel Rügen vom Chronisten Adam von Bremen.
1 168 erobern die Dänen unter König Waldemar I. und Bischof Absolon von Roskilde die Insel und zerstören die Tempelburg Arkona. Stammesfürst Jaromar unterwirft sich und wird dänischer Lehnsträger.
1 193 wird in Bergen ein Zisterzienserrinnenkloster gegründet.
1 296 schenkt Fürst Witzlaw II. die Insel Hiddensee dem Zisterzienserkloster Neuenkamp (heute Franzburg bei Grimmen).
1 319 wird die Stadt Garz schriftlich erwähnt.
1 325 stirbt der letzte slawische Stammesfürst Witzlaw III. (der einzige bekannte Minnesänger im norddeutschen Raum). Mit ihm erlischt das ranische Fürstenhaus; Rügen, Hiddensee und das zugehörige festländische Gebiet fallen daraufhin an das Herzogtum Pommern-Wolgast.
1 332 wird auf Hiddensee die Fischer- und Bauernkirche vor dem Klostertor eingeweiht.
14. bis 15. Jh. gewinnen die auf Rügen und Hiddensee ansässigen Adelsgeschlechter mit großen Ländereien die faktische Macht über die Inseln. Zum führenden Zweig steigt das Geschlecht derer zu Putbus auf.

© 2009 ostSeh / ANDREAS KÜSTERMANN

Täglich 300 Kilo Post per Rad zugestellt

Täglich 300 Kilo Post per Rad zugestellt

Quelle: Ostseezeitung Rügener Zeitung 20.01.2009

Rügen - eine Perle der Ostsee - Seegeberger Zeitung
Letztes Sturmgespräch des Jahres im Museum - OstseeAnzeiger
Mit dem Bodendenkmalpfleger über den Goldberg

Erlebnis von 3500 Jahren Kulturlandschaft

Goldberg. (ostSeh) · Detlef Stübe (60) hat in seiner typischen Umhängetasche ein Buch mitgebracht. ‚Deutschland in der Bronzezeit‘ heißt es und zeigt auch den als Beutekunst verschleppten Goldschatz von Eberswalde. Da gewinnt der Name der Ortslage ‚Goldberg‘, auf der ich den Grabungstechniker und Bodendenkmalpfleger Stübe an einem sonnigen Vormittag treffe, eine ganz andere Bedeutung. Er, der 1965 Zugereiste, ist hier zu Hause, merke ich jeder seiner Erläuterungen an. Wir stehen und schauen auf der einen Seite vorbei an den vier Windrädern zum Dobberworth, dem größten Rügener Hügelgrab, auf der anderen Seite zum Dreschenberg mit seinen vier Hügelgräbern. Überall rundum liegen auf dem Acker Hühnergötter, Feuersteine und in den Söllen, entstanden von ehemaligem Toteis steht Wasser. "Das ist ein typisch schützenswertes Siedlungsgebiet", sagt Detlef Stübe. "Erhaben für das Sicherheitsbedürfnis, das die langsam seßhaften Siedler ab der jüngeren Steinzeit entwickelten. An den höchsten Stellen ihre Gräber, Wasser in den Senken."

Eine nahrhafte Umgebung, wie man sie sich so in Sichtweite des Örtchens Sagard und des Fährhafens Sassnitz heute noch vorstellen kann. Eine sogenannte "siedlungstopografisch günstige Lage."

Eben brechen ein paar Damböcke ohne Schaufeln aus einem Quelldickicht. Eine alte Schaufel finden wir beim Weitergehen auf dem Acker. Ebenso wie tausende Stücke von Feuersteinabschlägen, geglätteten Mahl- und Krähensteinen oder einem Stein zum Graben. "Hier liegt eine eiszeitlich geprägte Siedlungslandschaft, wie sie im Buche steht", erläutert Stübe. "Bis zum Siebenberg existieren hier 26 sichtbare und unsichtbare, geschützte und teils schon planierte Fundstellen." Und Stübe erzählt anhand der Karte, in die der Altmeister der Rügener Frühzeitexperten, Peter Herfert, auch die Lage der von Hagenow gefundenen Gräber eingezeichnet hat. "Hier geht es lange nicht mehr um den alten Scherbenfund, sondern die alte Kulturlandschaft, die trotz Schutz nach und nach verloren geht. Urlauber, die sich rundum auf Jasmund einquartieren, suchen das." Niemand wolle Puppenstuben. Diese herbe Landschaft, die sei das Original. "Und sie wird immer seltener, egal wie wichtig der Abbau von Bodenschätzen sein mag." Stübe erzählt wie jenes Buch, was er von der Landschaft weiß. Wie die Bevölkerung des Neolithikums sesshaft wurde und wie hier 3000 bis 3500 Jahre Geschichte vor uns liegen. "Die verschiedenen Grabkulte belegen das." Beim Weiterlaufen erzählt Stübe von der Abwägungsfrage bei Grabungen und wie Archäologen als Bremser angesehen werden. Und dass es ihm heute nicht mehr um Grabungen ginge, da schon Spitzenfunde wie der Feuerwagen Peckatel oder massenhaft Handwaffen vorliegen. "In der Bronzezeit gab es nochmals eine gegenseitige Beeinflussung, wo Feuersteinschläger gegossene Bronzedolche nachahmten. Selbst so etwas lässt sich heute ohne Grabungen beweisen." Dann liegt ein Söll, diese Niederung mit Wasser, vor uns, in das seit vermutlich Jahrzehnten Steine aus dem Ackerbau wandern. "Mahlsteine finden sich hier gleich, ebenso bearbeitete Findlinge, die von Gräbern oder später herrühren könnten. Merken sie, wie sich das Klima hier sofort ändert? Das macht ein echtes Biotop aus."

Grabungstechniker und Bodendenkmalpfleger Detlef Stübe
Grabungstechniker und Bodendenkmalpfleger Detlef Stübe (60) am Ort des für rund 100 Jahre geplanten Kreideabbaus vor den Toren von Sassnitz, dem Goldberg. Immer in Sichtweite kleine und große, schützenswerte Siedlungsreste, meist an Gräbern erkennbar, zurückreichend bis zum Neolithikum.

unsichtbar in den Hügeln
"Viele Denkmale sind schon früher für die Landwirtschaft planiert worden und liegen heute unsichtbar in den Hügeln. Reste der Gräber jedoch sind entweder am Platz oder liegen als Einzelfunde in den aus Toteis entstandenen Söllen. Kleine, eigene Biotope in der Agrarwüste."

Goldberg weckt Assoziationen
Der Name 'Goldberg' weckt angesichts des als Beutekunst an die Sowjetunion verlorenen Goldschatzes von Eberswalde Assoziationen. Auch heute noch wird auf Rügen raubgegraben. Hier zeigt Stübe im Buch "Deutschland in der Bronzezeit" schon bekannte Funde. Die Hügel vor den Windrädern sind planierte Gräber.

Rauchgasentschwefelung und Düngekalk ab 2012
Die Damman Kreide KG mit dem Rügener Kreidewerk will dort für Rauchgasentschwefelung und Düngekalk ab 2012 in Schuppen rund 250000 Tonnen Kreide Stück für Stück aus der Landschaft baggern.

Eine Insel der Frühgeschichte zwischen Sagard, Sassnitz und Mukran
"Eine Insel der Frühgeschichte zwischen Sagard, Sassnitz und Mukran", sagt Stübe, der diese letzten Reste sichtbarer, alter Kulturlandschaft in ihrer Kargheit für unbedingt schützenswert hält. Am Horizont vier der 26 verzeichneten Fundorte.

Stübe, der gelernte Hochseefischer und heute teils ehrenamtliche, teils angestellte Archäologe weiß, dass zu DDR-Zeiten für LPG-Großagrarier Hügel ebenso wie die Hecken zwischen den Schlägen fallen mussten. "Die Gräber wurden planiert, sind jedoch hier noch zu sehen", weist er auf vier Erhebungen am Zenit einer Kreidescholle. So wird auch aus Sicht der Landschaft der dort geplante Kreideabbau in mehreren Schuppen verständlich. "Da die inneren Bauten der planierten Gräber vermutlich abgesackt sind, erwarten wir beim Freilegen natürlich auch Funde. Obwohl die Hügel keine Bodendenkmale mehr sind." Funde an diesen Stellen müssen jedoch gemeldet werden, die Bergung muss möglich sein und die Finanzen trägt der Verursacher, lautet die Gesetzeslage. Stübe zweifelt. Das Ganggrab in Nipmerow fällt ihm als "abschreckendes" Beispiel ein. Dort legte nach Intervention des Bodendenkmalpflegers Willi Lampe die Einzigartigkeit den Kiesabbau lahm. 1974, zu DDR-Zeiten. Stübe zum Abschied: "Die alte Kulturlandschaft ist tot. Diese kleine Insel am Goldberg muss deshalb erhalten bleiben."

de.wikipedia.org/wiki/Bronzezeit
So sehen es Urlauber:
www.dkrieger.net/photothumbs/infrarot/006-ir-kon-baar.htm

© ostSeh 2007 / ANDREAS KÜSTERMANN

Eine Karawane, die mächtig schluckt

196 Fahrzeuge bei Oldtimer-Fernfahrt von Zittau nach Sassnitz

Rügen · Zittau-Sassnitz 2004Jürgen Petzold aus Seifersdorf ist begeistert. Bekannte von ihm aus Oltendorf bei Dresden haben ihn angerufen. "Du machst doch gerade Urlaub auf Rügen. Kannst du nicht ein paar Fotos von unseren Oldtimern machen?". Klar kann er, denn das Wetter in den letzten vier Wochen war nicht so besonders und eine Abwechslung ist ihm recht. So fährt er von Juliusruh im nördlichen Teil Rügens in Richtung Fähre, um seine Motive zu finden. "Vielleicht sehe ich einen alten Lada2. Den habe ich mal gefahren", hofft er.

Derweil sind Henryk Kindt und Fahrer Bodo Mehrlich aus Leupoltsgrün und Jüterbog schon seit Freitag früh mit offenem Verdeck die 609 Kilometer bis Sassnitz unterwegs. "Bin ich froh, einen Schal eingepackt zu haben. Der kommt mir nicht mehr vom Hals", sagt Henryk und zeigt auf den blau-weißen Stoff, der die Lücke unter der Lederhaube schließt. Sie fahren die Nummer 42, einem IFA F9, 1939 von DKW entwickelt. Und stoßen gerade bei Bobbin auf die Rüganer Udo Köpping und Manfred Rudolf, die , ebenfalls flankiert von ihren Oldtimern, einen Kontrollpunkt betreiben. "Wer die Trophäe möchte, muss hier durch und sich registrieren lassen.

Die Fahrtzeit schätzen die Piloten ein und müssen sie möglichst einhalten. Auch Geschicklichkeit wird erprobt", erläutert Udo und reicht die gestempelten Papiere wieder ins Auto. Von dem rostroten IFA sind mehrere dabei - alle offen. Am Freitag abend sind sie eingetroffen auf Einladung des Oldtimerclubs Rügen, der die Fernfahrt zusammen mit dem Club Feuer Fest aus Zittau schon das dritte Mal veranstaltet. Und obwohl das Cabrio mit den klassischen Rund-Armaturen mit nahezu 80 Stundenkilometern auf der Straße seinem typischen Sound verbreitet, bleibt manchmal Zeit für einen Schwatz. Wie mit der netten Motorradfahrerin auf der alten BMW, die geblitzt wurde. "Pech", sagt sie, "von vorne". Ihr Nummernschild jedoch ist hinten.

Zittau-Sassnitz 2004

Täuschend echt anzuschauen sind auch die beiden VoPos auf der MZ 250 F. "F steht für Funk", erklären Klaus und Sieghard Krahl aus Groß Dubrow bei Bautzen. Sie fahren in original Uniformen. "Unterwegs haben wir in Neubrandenburg sogar schon mit Polizisten gefachsimpelt. 95 Prozent der Leute reagieren eher freundlich überrascht auf uns", meint Klaus. Überrascht sind auch die Passanten, die immer wieder enthusiastisch winken, wenn einzelne Fahrzeuge wie gerade der Unimog oder die Moto Guzzi von 1936 mit Thomas Hentschel auf dem Bock passieren. Immer winken die Fahrer zurück.

Zittau-Sassnitz 2004

Wiek ist passiert und die Fährstelle über den Breetzer Bodden naht. Langsam verdichtet sich auch die Kolonne wieder, die nun in Etappen übersetzen möchte. Wohnwagen, Versorgungsfahrzeuge und natürlich Transportanhänger fahren den nicht enden wollenden Tross mit, in dem auch Wolfgang Koschig mit seinen 2,2 Pferdestärken wacker mithält. Seine Phänomen aus Zittau hat 98 Kubikzentimeter Hubraum und 2,2 Pferdestärken. Das Publikum nutzt die Beladung der Fähre für einen Schwatz. Da öffnet auch Lutz Jokisch die Haube seines EMW 340 / 2 und man fachsimpelt, bestaunt den sauberen Motor. Dann ist die Fähre am Anlieger, Gingst wartet und das Mittagessen auf einem Bauernhof.

Jürgen Petzold fährt zufrieden nach Juliusruh zurück. "Seinen" Lada hat er nicht gesehen. Aber einen Mosquitsch und vieles mehr.
küma
 
Rügen, 21.06.2004

Forschen nach unsichtbaren Denkmalen

Unterwasserarchäologen sichern Wracks vor Dranske

Die Geschichte des Blohm & Voss Flugbootes BV138, das am 2. Mai 1945 vor Dranske abstürzte, ist bekannt. Der Pilot, hatte in diesen letzten Kriegstagen einen Arzt erschossen, weil er den Hitlergruß nicht erwiderte. Archäologische Taucher trugen zur Klärung bei.

Dranske · Die besagte BV 138 ist schon 1965 von einem Taucher entdeckt worden. TaucherErst 1984 jedoch gingen Froschmänner der damaligen Sektion Tauchen aus Dranske den Spuren genauer nach. Nur sie hatten damals die Lizenz zum Tauchen. Forschungstaucher Martin Gloede besucht das Wrack auch heute immer wieder im auftrag des Landesamtes für Bodendenkmalpflege, um seinen Zustand und mögliche Zerstörungen zu kontrollieren. Als Bodendenkmalpfleger und Unterwasserarchäologe. "Alles nachzulesen in dem Buch ‚Rügens geheime Landzunge', wiegelt er Fragen nach dem Flugzeug ab. Doch erinnert seine Kontrolle an dessen Denkmalstatus. Die Entnahme von Teilen ist verboten. An diesem Tag bei stahlblauem Himmel und Ostwind gilt Gloedes Interesse zusammen mit Bergungsleiterin Sunhild Kleingaertner, Taucher Mike Belasus und dem ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger und Bootsführer Jörg Ehrismann zwei schwedischen Wracks direkt vor den Buhnen des Strandes. "Eines davon ist gefährdet, weil hier Strandaufspülungen erfolgen sollen", begründet Kleingaertner den zehntägigen Einsatz. Alle sind froh, dass der Wand stabil aus Osten kommt. "Bei Westwind geht hier nichts und die Schwebstoffe machen einen völlig blind", weiß Martin Gloede.

"Wir haben hier im Sommer schon einmal kartografiert, ein Fotomosaik erstellt und alles beschriftet, dann einen Teil abgeborgen und an die Buhnen gelegt", schildert die Leiterin den Sachstand. Es geht raus aufs Wasser. Flachbodenboote aus dem vermutlich 17. Jahrhundert mit Brandspuren liegen da. So viel können die Vier schon sagen. Zwei werden auch jetzt wieder tauchen und zwei in Reserve stehen und ihre Kollegen im Notfall oder bei Erschöpfung ablösen. "Rund zwei Stunden mit kleinen Pausen geht das Tauchen bei derzeitigen acht bis zehn Grad Wassertemperatur", erklärt Gloede, während er die Flasche prüft und nach den Flossen greift. Er will mit einem knallgelben Scooter Sand von schon geborgenen Teilen spülen. In einem vorherigen Arbeitsgang hatten die Taucher abwechselnd vom Boot aus in zwei Metern Tiefe Keile zwischen Spanten und Planken getrieben, um die Holznägel absägen zu können. "Das Holz riecht noch richtig nach Kiefer und Teer, erzählt Sunhild und man merkt ihr trotz dieses wenig spektakulären Jobs die Begeisterung für jeden Auftrag an. Schon geborgene Holzstücke sind zwischenzeitlich mit Nummernschildchen aus roter Plaste betackert. Auf Ballaststeine hat man die Nummer draufgeschrieben. Das dient dem Zusammensetzen. Und auch die Löcher der Bohrmuschel sind im Holz deutlich zu sehen. Neben Raubtauchern ein zweiter, ernst zu nehmender Gegner der Archäologen.

Taucher
Mit dem Scooter, der wie ein Gebläse unter Wasser funktioniert, spült
Martin Gloede Sand von Wrackteilen.

Aus ersten dendrochronologischen Untersuchungen des Sommers kennen die Experten nicht nur das Alter des Holzes. Ebenso seine Herkunft. Es kommt aus Schweden.
"Hier ungefähr müsste es sein." Sunhild Kleingärtner hat ein Kartenbrett wie bei Vermessern vor dem Bauch und lässt Jörg Ehrismann das rote Bergungsboot mit dem starken Yamaha-Motor in einem Buhnenfeld stoppen. Hier im Küstennähe nutzt man die eigene Bootstechnik vom Trailer. Geht es in tiefere Gewässer, wird der ebenfalls knallrote Seefuchs, ein alter und umgebauter Sassnitzer 23-Meter-Kutter gechartert. Martin geht über die Treppe ins Wasser, Mike gibt ihm den Scooter, der wie ein Gebläse funktioniert. Ein letztes Mal soll er runtergehen und die im Sommer zwischengelagerten Teile abbergen. Doch eine Überraschung wartet. Prustend kommt er wieder hoch. "Habt ihr dort Sandsäcke abgelegt? So richtig große?" Sunhild verneint. "Dann haben die hier die Buhnen gesichert. Die Holzteile müssen wir mit Gerät von Land abbergen."

Taucher Taucher
Erschöpft heben die Taucher die vollgesogenen Holzteile eines
schwedischen Wracks vor Dranske zum Abtransport aus dem Wasser.

Es geht zurück. Am Ufer ziehen die beiden Männer im Taucheranzug die Spanten so weit wie möglich im Wasser zum Land. "Wenn sie gehoben werden, sind sie unglaublich schwer", sagt die eher zierliche Sunhild und schleppt derweil Steine. Mit den letzten Hölzern auf dem Schultern kommen Mike und Martin erschöpft nach. Die Trockenarbeit kann beginnen.
küma
 
Rügen, 19.11.2003

Ein Bett im Kornkreis

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Rügen ist ein Kornkreismekka

Rügen · (ostSeh/mv) Altefähr"Haben sie die Kornkreise selber gemacht?" fragen Spaziergänger die beiden Männer, die in einem Getreidefeld neben der B96 auf Rügen mit langen Stangen und Kameras daran hantieren. Grafiker Jan Schwochow aus Hamburg und Chemielaborant Frank Laumen aus Leverkusen kennen solche Unterstellungen schon. Sie befinden sich inmitten eines Musters in dem Weizenfeld, das durch seltsame Verwirbelungen der Halme auf rund 50 Quadratmetern geometrische Formen erhalten hat. Kornkreise, wie sie auch in Raps, Facelia oder gar Schilf schon gesichtet wurden. Frank Laumen, einer der Fotografen der Gruppe "invisible circle", kommt gerade vom Flugplatz Güttin. Ob sie nicht wüssten, wer die Kreise gemacht habe und nicht welche etwas weiter weg entstehen könnten, wurde er gefragt. Klar das Ansinnen. Kornkreise sind am Schönsten aus der Luft und bringen Umsatz für den Flugplatz. Doch darüber können Laumen und Schwochow nur schmunzeln. Sie nennen sich Kornkreisforscher und besuchen Rügen, weil 12 der in Deutschland gemeldeten 30 Formationen auf der Ostseeinsel zu sehen sind oder waren. Nahe Rambin beispielsweise, wo sie gerade aus vier Meter Höhe am Ende der Stangen die Kamera auslösen. "Dieser Kreis muss in der Nacht entstanden sein". Schwochow ist begeistert. "Keine Fußspuren, die typisch abgeknickten Halme in 10 bis 15 Zentimeter Höhe und das Getreide ineinander verwirbelt. So einen frischen Kreis habe ich noch nie betreten."

RambinFrank Laumen hat dieses Muster vom Flugzeug aus entdeckt, als er direkt daneben eine ältere Formation ablichten wollte. Fast alle Kornkreismeldungen für 2002 liegen im Südwesten der Insel, wobei Beobachtungen aus DDR-Zeiten auch Jasmund nennen, wie Waltraud Kummer aus Lohme frühere Beobachtungen bestätigt. Und weil Kornkreise vergänglich sind und die Forschung im Ungewissen, sucht sich ein Teil der Gruppe von insgesamt sechs Männern häufig ihr Urlaubsziel nach diesem Kriterium aus. Wobei Laumen am Tag vorher in Kassel auch schon geflogen ist und den Flug von einem Landwirt bezahlt bekommen hat, der unbedingt Fotos der Formation in seinem Feld haben wollte. "Das ist nicht die Regel", weiß vor allem Jan Schwochow, zuständig am Boden für die grafische Dokumentation und Vermessungen mittels Satellitennavigation. "Oftmals holen Landwirte die Polizei und erstatten Anzeige wegen Sachbeschädigung". Doch gegen wen? Der Rüganer Landwirt Stefan Hönck, auf dessen Acker der erste Kreis in diesem Jahr entdeckt wurde, sieht es gelassen. "Wenn keine Leute drin rumtrampeln, hält sich das mit dem Schaden in Grenzen. Ich mag nur nicht den Rummel mit Ufos und solchem Blödsinn." Doch gegen seriöse Forschung hat Hönck nichts. Darauf achten auch "croppies", indem sie auf ihren Internetseiten feste Verhaltensregeln bei Entdeckungen vorgeben. Vor allem nichts kaputt trampeln und Distanz halten, ist die Maßregel.

"Ich bin der Meinung, sie sind alle Menschenwerk", bekennt Harald Hoos aus Landau in der Pfalz. Auch er beschäftigt sich seit Jahren mit den Erscheinungen. Gemacht sagt er auch von den Rügener Kornkreisen, obwohl er sie nicht gesehen hat. Hoos kommt gerade aus England zurück, wo er die dortigen Kornkreise besichtigt hat. Ihm genügt die Faszination, die er beim von ihm empfundenen Zusammenspiel der Menschen und der Landschaft empfindet. Und ebenso wie Jan Schwochow veröffentlicht er Bücher zu dem Thema.

Güttin Kassel

"Wir gehen davon aus, dass die meisten der Formationen nicht von Menschenhand stammen", ist sich Jan Schwochow sicher. AuswertungIhre Antworten werden vorsichtig abgewogen. "Ufologen sind wir nicht", betonen beide jedoch sofort. "Eher analysiert unsere Gruppe das landschaftliche Umfeld und versucht, daraus Rückschlüsse zu ziehen". Alte Besiedelungsformen wie Hügelgräber oder große Steine sind Schwochow zufolge Orte mit Energie, von denen heute kaum noch Kenntnis besteht. Unterirdische Wasseradern könnten damit zu tun haben. Lokale Wirbelwinde ergeben eine andere Theorie. Doch Forscher sind vorsichtig mit öffentlichen Bekenntnisse. Zu schnell überlagern Vorurteile oder Unwissen das, was ja erst bewiesen werden soll. Die Geologie des Bodens, die geringe Leitfähigkeit von Mergel oder Kreide, Elektromagnetismus, ... nur ein paar Stichworte. Genauere Festlegungen gibt derzeit aber niemand. "Wir haben zwar einige studierte Wissenschaftler im Hintergrund, doch das Thema Kornkreis ist in der Öffentlichkeit zu stigmatisiert. Obwohl Kornkreise schon in alten Märchen wie dem der 12 Schwäne auftauchen. Doch wer will schon mit Unerklärlichem in Zusammenhang gebracht werden? Also machen Jan Schwochow und Frank Laumen in diesem Jahr wieder die Feldforschung, ein dritter Kollege ist in England, dem Mekka der (gefakten) Kornkreise und zu Jahresende geben sie gemeinsam wie seit einigen Jahren üblich eine Dokumentation heraus. www.invisiblecircle.de

Derweil aber wird ab 12. September 2002 der Hollywoodstreifen "Signs" die Debatte sicher neu anheizen.
küma
 
Insel Rügen August 2002

Rügener Erscheinungen begeistern

Sommerloch hin oder her - manche Dinge geschehen eben hauptsächlich in der Zeit von Juni bis August. So ist es mit den Kornkreisen, die derzeit die Runde machen. Geniale Erscheinungen oder Pfusch von Wichtigtuern sind die Pole, zwischen denen sich die erregten Gemüter erhitzen.

Rügen · (ostseh) Der Pilot, der während des Flugtages in Güttin von seinem Gast dezent zu einem Roggenfeld nahe eines Bergener Einkaufsmarktes gelotst wurde, hatte die sanfte Regie hinter der Angelegenheit vermutlich nicht erkannt. Auch das Erstaunen seines Fluggastes, dass er die Kornkreise bei Stönkvitz noch nicht gesehen hatte, wo er doch regelmäßig dort vorbeifliegt und weitere Fragen machten ihn nicht stutzig. Doch Fluggast Jan Schwochow aus Hamburg war nicht zufällig auf Rügen. Er ist Kornkreisforscher. Und wurde von der Rüganerin Bettina Bischof-Huamani alarmiert, um vor unsachgemäßen Betretens von Neugierigen die zwei bemerkenswerten Formationen auf Rügen zu dokumentieren.


Landwirt Peter Senger (re.) von der Agrargenossenschaft Neklade schaut sich mit Clip-Kameramann Thomas Simon die neuesten Kornkreise in seinem Roggenschlag an der B96 an. Anders als sein Kollege an den Stönkvitzer Kornkreisen war er fasziniert und neugierig.

Die Kreise sind genial. Mit das Beste, was ich in letzter Zeit gesehen haben, ist Schwochow noch heute begeistert. Der Grafiker und Fotograf aus Hamburg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen, hat allein in Schleswig Holstein 58 Kornkreise dokumentiert und versucht, im frühem Stadium echte Kornkreise von menschlichen Fälschungen zu unterscheiden.

Auch Bettina Bischof-Huamani aus Dranske schaut sich zwischen Juni und August immer nach Kornkreisen um. Sie hat bisher viel darüber gelesen, aber noch nie einen gesehen. Daher war sie völlig aus dem Häuschen, gleich zwei solcher Felder auf Rügen von der Straße zu entdecken. Sie habe sich zu Tode geärgert, gerade an diesem Tag keine Kamera dabei zu haben. An den gelegten Büscheln des Getreides habe ich die Echtheit aber erkannt, freut sich die Rüganerin noch heute über ihre Entdeckung.


Der erste Kornkreis bei Stönkvitz ist in Weizen entstanden
und daher präziser, als solche in Roggen.


Die zweite Kornkreisformation bei Bergen auf Rügen

Es gibt konkrete Regeln, die seriöse Kornkreisforscher einhalten erläutert Jan Schwochow. So sei die erste Regel, eine Erlaubnis des Landwirtes zum Betreten einzuholen und nichts am Feld kaputt zu machen. Ihm ginge es nicht um Sensation sondern um Erkenntnisse. Daher arbeite er auch eher im Stillen. Und die Rügener Kornkreise seien für ihn deshalb echt, weil sie die typischen Biegespuren der Halme in ungefähr zehn Zentimetern Höhe aufwiesen. Das sei bei nachgemachten Kornkreisen mit Walzen oder anderem Gerät nicht zu schaffen. Auch die Büschel, die in der Mitte stehen bleiben wie in Stönkvitz, seien ganz typisch. Die Qualitätsunterschiede der beiden Ornamente seien ansonsten in der Getreideart begründet. Weizen wie bei Stönkvitz habe schärfere Konturen als der Roggen des neuen Kreises, der schnell zusammensacke. Schwochows Theorie - eine von Vielen - basiert auf elektrischen Spannungen und Windbewegungen. Rügen sei dafür ähnlich wie England besonders geeignet, weil der Kreideboden schlecht leite. Kleine Windhosen würden möglicherweise durch die Entladung entstehen, die ganz unterschiedliche Muster erzeuge. Ein vorsichtiges Indiz für seine Theorie sieht er in dem kürzlich gesendeten Bericht des NDR über Windhosen. Diese seien im Jahre 2000 in Mecklenburg-Vorpommern in mehreren Fällen dort registriert worden, wo auch Kornkreise dokumentiert sind, so in Brandshagen und Kedingshagen bei Stralsund.


 
Bettina Bischof-Huanani hält die jährliche Edition über Kornkreise in der Hand. Ein grafisch schönes und sehr informatives Buch.

 

Bettina Bischof-Huamani ist sich da nicht so sicher. Sie kennt diese Theorie, weiß aber auch, dass sie erschüttert wurde, als erstmalig im England der 80er Jahre völlig filigrane, geometrische Formen erschienen, welche die Windverwirbelungen wegen ihrer Komplexität zumindest in Forscherkereisen in Frage stellen. Einig sind sich der Hamburger und die Rügenerin aber darin, dass sie beide nichts von Theorien mit Außerirdischen halten. Sie setzen auf physikalische Komponenten. Und dokumentieren ihre Erkenntnisse auf den Seiten von
www.kornkreis.de

 
 
küma
 
Ostsee-Anzeiger Insel Rügen Juli 2001

Rasender Roland

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Zur Rekonstruktion des Rasenden Rolands

Nach dem Erwerb der Rügenschen Kleinbahn (RüKB) zum 1. Januar 1996 hat der Eisenbahnunternehmer Bernhard van Engelen den Betrieb in seine Unternehmensgruppe integriert, die vornehmlich durch die Karsdorfer Eisenbahngesellschaft mbH (KEG) bekannt geworden ist. Zum 1. Januar 1998 traten neue Verträge mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern und dem Landkreis Rügen in Kraft, die den Betrieb des "Rasenden Rolands³ als vom Land bestellten, öffentlichen Schienenpersonennahverkehr festschreiben. Seitdem kommt die Rekonstruktion der Kleinbahn zügig voran.
Zusammen mit seiner engagierten Betriebsmannschaft sichert der neue Eigentümer den Bestand der Bahn als wichtiges und attraktives Verkehrsmittel der Insel Rügen für die nächsten Jahrzehnte und sorgt dabei für die Erhaltung der Gesamtanlage als aktives technisches Denkmal.
Im folgenden berichten Jochen Warsow, Betriebsleiter der Kleinbahn, und ihr kaufmännischer Leiter Dirk Bahnsen über den Stand der Entwicklung, wichtige Vorkommnisse aus dem Tagesgeschäft und die weiteren Vorhaben des Betriebes.

1. Lokomotiven

Die Rügensche Kleinbahn verfügt inzwischen über sieben eigene Dampflokomotiven und zwei Dieselloks. Eingestellt bei der RüKB sind außerdem zwei dem Bielefelder Unternehmer Walter Seidensticker gehörende historische Dampflokomotiven, über die die RüKB im Rahmen eines Kooperationsvertrages bei Bedarf ebenfalls verfügen kann. Unter der neuen Unternehmensführung sind bereits zwei der eigenen Maschinen einer Hauptuntersuchung (HU) unterzogen worden ­ und zwar die 99784 und 99782 (beide Baujahr 1952). Die Arbeiten wurden 1998 und 1999 im Dampflokwerk in Meiningen durchgeführt, in dem sich zur Zeit zwei weitere Maschinen zur Generalüberholung befinden. Sie werden beide im Februar 2000 zum Betriebseinsatz zurück erwartet. Im Mai 2000 soll dann eine weitere Lokomotive zur Hauptuntersuchung gebracht werden. Insgesamt wird so Einsatzfähigkeit des historischen Lokomotivbestandes der Kleinbahn gesichert. Die Pflege und Erhaltung der historischen Dampflokomotiven ist auch aus technischer Sicht eine spannende Herausforderung. Immer wieder stellt sich für die Techniker der Kleinbahn die Frage, woher die historischen Bauteile und Komponenten bezogen werden können. Viele ehemalige Lieferanten haben inzwischen ihre Produktion eingestellt, so dass auf der Suche nach Ersatzteilen europaweite Pfadfinderarbeit zu leisten ist. In vielen Fällen muss die Rekonstruktion von Teilen in Handarbeit in der eigenen Werkstatt geleistet werden, die in den vergangenen Jahren systematisch sowohl personell als auch von den Maschinen her für diese Aufgabenstellung ertüchtigt wurde. Besonders stolz sind die Eisenbahner der RüKB auf ihre von Walter Seidensticker zur Verfügung gestellte "Sammlung" von Heeresfeldbahn-Lokomotiven. Nur noch auf Rügen können diese aus den 40er Jahren stammenden Dampfloks im aktiven Betrieb (die "Nicki und Frank S." sowie die "Aquarius C") und als Ausstellungsstück (die 994652) erlebt und besichtigt werden.

Seit Juni 1999 besitzt die RüKB eine zusätzliche Diesellok, die V 51901. Die Lok wurde in Österreich "ausgegraben" und gekauft, mit einem erheblichen Landeszuschuss grundlegend restauriert und ­ wie es sich gehört ­ vor Inbetriebnahme vom Landesbevollmächtigten für Bahnausicht mit einer neuen Betriebszulassung abgenommen. Sie dient der Kleinbahn inzwischen für verschiedene Zwecke. Um die Traktion ohne Beeinträchtigung des Dampfbahncharakters der Bahn noch rationeller zu machen, leistet sie im Winter zu Tagesrandzeiten Streckendienst. Außerdem bewältigt sie das "Herausziehen" der Züge von Lauterbach Mole nach Putbus. Diese auf Grund der Anordnung des Dreischienengleises notwendige technische Besonderheit ist in den Sommermonaten gleichzeitig ein nicht nur von Eisenbahnfreunden bestauntes Schauspiel vor der großartigen Kulisse des Lauterbacher Hafens und der fürstlichen Schlossanlagen in Putbus.

Ergänzt wird der Maschinenpark der RüKB durch eine Heeresfeldbahn-Diesellok (Köf 6003), die bis 1999 für örtliche Rangierzwecke in Putbus eingesetzt wurde und auch in Zukunft wieder dafür vorgesehen ist. Zur Zeit befindet sich die Maschine zur Vorbereitung einer neuen HU in den eigenen Werkstätten der Kleinbahn, wo angesichts des zu Reichsbahnzeiten erreichten technischen Zustands der Lok eine ganz besondere Aufgabe auf die Werkstattspezialisten der Kleinbahn wartet. Sämtliche Streckenlokomotiven werden im Jahr 2000 mit Zugbahnfunk ausgestattet. Diese längst überfällige Maßnahme wird im wesentlichen noch durch die Deutsche Bahn AG als Rechtsnachfolger der früheren Eigentümerin Deutsche Reichsbahn durchgeführt. Ihre Realisierung hat sich bislang wegen funktechnischer Schwierigkeiten verzögert, zum Beispiel wegen der erforderlichen Anbringung einer Antenne auf dem denkmalgeschützten Jagdschloss Granitz.

Wartung, Pflege und Reparatur der historischen Dampfmaschinen bedürfen eines ganz besonderen Know-hows, das bei der Mannschaft auf Rügen wohl in einmaliger Weise vorhanden ist. Zahlreiche Bauteile können nur in Eigenarbeit und mit viel technischer Kreativität erhalten werden. Sie müssen regelmäßig in den eigenen Werkstätten neu aufgearbeitet werden, weil kaum ein industrieller Zulieferer mehr zur Herstellung unter wirtschaftlich vertretbaren Gesichtspunkten in der Lage ist. Erfreulicherweise gibt es in diesen Fragen eine konstruktive und gute Zusammenarbeit mit den zuständigen Aufsichtsbehörden, das sind ­ neben den Denkmalschutzbehörden ­ im wesentlichen der Landesbevollmächtigte für Bahnaufsicht bzw. die für Mecklenburg-Vorpommern zuständige Außenstelle des Eisenbahnbundesamtes.

2. Oberbau der Strecke

Die RüKB fährt auf der Strecke Putbus ­ Göhren auf eigenem 750-mm-Gleis und auf der Strecke Putbus ­ Lauterbach auf einem Drei-Schienen-Gleis (Normal- und Schmalspur) der DB AG. Sie ist nicht nur Eisenbahnverkehrsunternehmen, sondern auch Eisenbahninfrastrukturunternehmen. Schon seit Anfang seiner Tätigkeit hat der neue Eigentümer und Betreiber die Restaurierung der Strecke zur Sicherstellung des Verkehrs und zur Erhaltung des historischen Denkmals für die nächsten Jahrzehnte ins Zentrum seiner Investitionstätigkeit gerückt. Bei Übernahme im Jahre 1996 war die Strecke in äußerst schlechtem Zustand. Die Schwellen aus einheimischen Hölzern waren in traditioneller Bauweise in Kies verlegt. Schienenmaterial wurde vom Typ S 33 verwendet. Im Zuge eines gemeinsam mit dem Land abgestimmten Bauprogramms für die Gesamtkonstruktion der Gleisanlagen wurde 1998 der erste Streckenabschnitt zwischen Binz und Seelvitz, anschließend der Abschnitt zwischen Seelvitz und Posewald und im Jahr 1999 die Strecke zwischen Posewald und Putbus neu aufgebaut. Auf ein neu geschaffenes Planum mit neuen Kurvenradien (130 statt 100 Meter Durchmesser) wurden Hartholzschwellen in Schotter gelegt. Um wirklich für die nächsten 50 Jahre "auf Nummer sicher³ zu gehen, wurden Schienen des Typs S 54 eingebaut.

Der neue Oberbau hat unmittelbare Auswirkungen auf das rollende Gerät der Kleinbahn. Durch wesentlich glatteren Lauf wird der Verschleiß gemindert, durch das Fehlen von Sand kommt es zu geringeren Abrieberscheinungen an den Triebwerken. Zu beobachten ist allerdings ein völlig anderes Fahrgeräusch, da die neue Strecke auf die Belastungen durch die Züge naturgemäß nicht mehr so "elastisch", sondern härter reagiert als die in Kies gebetteten Schwellen.
Eine seit etwa 70 Jahren in Deutschland nicht mehr gebaute Gleiskonstruktion ist das mit der Normalspur "verschlungene" Dreischienengleis auf dem Streckenabschnitt zwischen Putbus und Lauterbach Mole, auf dem die RüKB mit einem ganz erheblichen Presseecho seit Mai 1999 im Wechselbetrieb mit der DB Regio AG den Betrieb neu aufgenommen hat. Die Baumaßnahme für die Streckenverlängerung wurde unter Projektleitung des Landkreises Rügen gemeinsam mit der Rügenschen Kleinbahn und der Deutschen Bahn AG durchgeführt. Auf dem Molenkopf in Lauterbach wird noch im Jahre 2000 ein neuer Bahnhof in der für Rügen typischen Bäderarchitektur errichtet ­ eine weitere Maßnahme zur Steigerung der Attraktivität der Kleinbahn, des Hafens und der Marina in Lauterbach. Für die nächsten Jahre steht jetzt die Rekonstruktion auch der Strecke von Binz nach Süden durch die Granitz bis nach Göhren auf dem Bauprogramm. Dieser Streckenteil wurde durch die RüKB einerseits als nicht so dringend eingestuft, weil der Untergrund in diesem Bereich nicht so feucht ist wie auf dem Streckenabschnitt zwischen Binz und Putbus. Andererseits wird der Bau durch das Naturschutzgebiet Granitz eine besonders spannende Aufgabe. Sie kann frühestens dann in Angriff genommen werden, wenn das Land mit den erforderlichen Investitionszuschüssen "grünes Licht" gibt.

Bis zur Durchführung des Umbaus hält die Kleinbahn den Streckenabschnitt durch erhöhte Instandsetzungsmaßnahmen in Schuss. Eine Gleisbautruppe ist praktisch ununterbrochen mit dem Austausch von Schwellen und sonstigen Arbeiten beschäftigt, um die Gefahr von Betriebsstörungen auszuschließen. So können ungeachtet des nicht optimalen Gleiszustandes Betriebssicherheit und Reisekomfort weiterhin gewährleistet werden. Auf der Strecke ist die Rügensche Kleinbahn nur verantwortlich für die Gleisanlagen selbst. Die Bahnhofsgebäude und ihre Nebeneinrichtungen stehen in Eigentum und Verantwortung des Landkreises, der hierzu einen Eigenbetrieb führt. Der sorgt in enger Zusammenarbeit mit dem Management der Kleinbahn Stück für Stück für eine Rekonstruktion und attraktive wirtschaftliche Neunutzung der einzelnen Bauten, die zum Zeitpunkt der Betriebsübernahme teilweise Ruinen waren. Beispielhaft zu nennen ist der Bahnhof Sellin, wo im Januar 2000 eine Erlebnisgastronomie neuen Stils in historischem Gewande geöffnet hat. In Zukunft ist sie immer einen Zwischenstopp wert. Und in wenigen Jahren ist zu erwarten, dass der Rasende Roland von Ort zu Ort an "neuen³ historischen Gebäuden hält, die jeweils eigene Attraktionen für die ein- und aussteigenden Fahrgäste darstellen.

3. Wagenpark

Mit besonderer Liebe pflegt die Mannschaft der Kleinbahn ihren historischen Wagenpark, der zur Zeit aus 26 Reisezugwagen und einigen Bahndienstwagen besteht. Zwei Fahrradwagen hat Walter Seidensticker der Bahn zum betrieblichen Einsatz zur Verfügung gestellt.
Im Rahmen eines mehrjährigen Rekonstruktionsprogramms sind Ende 1999 die ersten drei Reisezugwagen dem Fahrzeugwerk Halberstadt der DB AG anvertraut worden. Sie werden dort ­ wie später auch alle übrigen Wagen ­ nicht nur den für die Hauptuntersuchung erforderlichen Arbeiten unterzogen, sondern von Grund auf restauriert. Die Gleitlager werden durch Rollenlager ersetzt, um das Fahrverhalten zu verbessern und die Verölung des Bodens im Gleisbereich definitiv zu beenden. Soweit die Fahrzeuge historisch sind, wird entsprechend den alten Vorlagen auch ihr Aufbau komplett restauriert. Zur Erhöhung des Fahrgastkomforts wird in allen Wagen eine von den Loks gespeiste Nassdampf-Umlaufheizung eingebaut. In denjenigen Wagen, die heute mit den urgemütlichen, für die Kleinbahn typischen Brikettöfen ausgestattet sind, bleibt aber die alte Heizung zusätzlich erhalten.

Mit den Restaurierungsarbeiten am Wagenpark ist gesichert, dass die RüKB unter Beachtung des Ablaufs der bahnamtlichen Fristen zu jeder Zeit über den für den Fahrgastbetrieb erforderlichen Wagenpark verfügt. Auch hier leistet das Land mit einer großzügigen Förderung einen wesentlichen Beitrag.
Die gute Zusammenarbeit der RüKB mit dem "Förderverein Rügensche Kleinbahn e.V." bewährt sich insbesondere bei der Erhaltung und Erneuerung der Wagen. Über das Programm der Betreibergesellschaft hinaus ist der Verein in Eigenleistung und im Rahmen eines von ihm gesteuerten ABM-Projekts dabei, Schritt für Schritt einen historischen Zug aufzubauen. Der Zug soll später in dem Museumskomplex, den die Kleinbahn im Bereich des Bahnhofs Putbus im Maßstab 1:1 großflächig einrichtet, ausgestellt werden.

4. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Perspektiven

Im Jahre 1999 ist durch endgültige Gerichtsentscheidungen der Versuch des Fürsten zu Putbus, im Wege der Restitution Zugriff auf Gelände auch im Bereich der Rügenschen Kleinbahn zu erhalten, abgewehrt worden. Die Rügensche Kleinbahn hat jetzt erstmals die Möglichkeit, auch Investitionen in ortsfesten Anlagen entsprechend den betrieblichen Notwendigkeiten durchzuführen. Mittelfristig geplant sind eine technische und optische Erneuerung der Betriebsgebäude in Putbus. Die hierfür erforderlichen Erbpachtverträge mit dem Landkreis können jetzt endlich abgeschlossen werden.

Konsequent weitergeführt und ausgebaut werden sollen die schon seit 1997 eingeleiteten Marketingmaßnahmen der Kleinbahn. Vorrangig geht es um Verbesserungen der Produkte und der Vertriebswege. Die Maßnahmen greifen: 1999 konnte eine bei rund 12 Prozent liegende Fahrgaststeigerung gegenüber 1998 erzielt werden. Mit der Streckenverlängerung über Putbus hinaus nach Lauterbach konnte die Kleinbahn zusammen mit Kooperationspartnern erstmals ein völlig neues Verkehrsangebot realisieren, nämlich eine Kombination zwischen Bahnfahrt und Bootstour rund um den Südosten der Insel als eintägige Rundreise. Als Perspektive bietet sich außerdem die attraktive Schiffsanbindung nach Polen mit direktem Umsteigen aus der Bahn auf der Lauterbacher Mole. Das Management der Kleinbahn ist weiterhin dabei, durch Kooperation mit Touristikanbietern ­ zum Beispiel Busunternehmen oder Hotels ­ Packages zu bilden, um die Insel und ihre Kleinbahn etwa für Gruppenreisen noch attraktiver zu machen.

Seit 1996 hat sich bei der RüKB viel zum Positiven gewendet. Der Rasende Roland ist eines der wichtigsten Verkehrsmittel für Einheimische und Touristen auf der Insel und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben. Um die Situation des öffentlichen Verkehrs auf der Insel gemeinsam mit den anderen Verkehrsträgern für die Fahrgäste weiter zu optimieren, widmet die RüKB einer Verkehrsgemeinschaft oder einem ­ in Konzeption befindlichen ­ Verkehrsverbund auf der Insel besondere Aufmerksamkeit. Und für alle, die den Rasenden Roland mit ihren technischen Veränderungen und Perspektiven einmal wirklich aus der Nähe kennenlernen wollen, hält die Kleinbahn einen besonderen Leckerbissen bereit. In einer zweiwöchigen Ausbildung besteht die Möglichkeit, selbst Ehrenlokführer zu werden und dabei Technik und Betrieb der Kleinbahn aktiv vom Führerstand der historischen Lokomotiven aus kennenzulernen.

von Jochen Warsow und Dirk Bahnsen

"Unser Robbie" läuft im ZDF

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"Alarm im Möwennest"

"Alarm im Möwennest" bei ZDF-Serie "Hallo Robbie!"/Phoenix Film will weiterdrehen oder Geld zurück
Am 26. Dezember 2002 um 19:30 Uhr startet neue Staffel

(dpa/mv) Rügen/Mainz · Die Seelöwin Robbie stürzt sich am zweiten Weihnachtsfeiertag in ihr neuestes Abenteuer. Der Segler Jörg Weirich (Ottokar Lehrner) landet nach einer Bootspanne mit seiner gehörlosen Tochter Britta (Nadja Strauß) auf dem Martenhof, wo sie natürlich auch auf die Hausherrin Frauke Marten alias Marion Kracht treffen. Bei einem heimlichen Bootsausflug gerät Britta Weirich in eine gefährliche Situation...

Marion Kracht engagiert sich seit vielen Jahren im Gehörlosenverband und beherrscht die Gebärdensprache. Sie spielte im Theaterstück "Gottes vergessene Kinder" die Hauptrolle der gehörlosen Sarah Norman. Im Oktober 2002 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihr künstlerisches Wirken und ihren Einsatz im Gehörlosenverband.
In "Alarm im Möwennest" zeigt Marion Kracht erneut ihre Verbundenheit mit diesem Thema.

Während bis zu 6,4 Millionen Zuschauer ab Weihnachten 2001 die ersten sechs Folgen der neuen Familienserie "Hallo Robbie!" verfolgten, fand der Streit auf Rügen um Drehgenehmigungen und Zugang zum Drehort der Halbinsel Liddow auch im zweiten Jahr nach Drehbeginn kein Ende. Während die Kräfteverhältnisse in der Kommune ein Patt darstellen, zündeten Unbekannte im Mai 2002 die Brücke nach Liddow an und brannten sie komplett nieder. Ein provisorischer Fußweg schafft zwar die Verbindung, die Gerätschaft jedoch wird seither mit Schiff und aufdem unwegigen Landweg transportiert.

Erst kürzlich kam es dann zum zweiten mal zu nächtlichen Angriffen auf Fahrzeuge der Bewohner von Liddow, die diese als Drohung wegen ihres Einsatzes für die Dreharbeiten begreifen. "Zwischenzeitlich haben wir nachts einfach Angst, sagt Gemeindevertreter Holger Rosenkranz ganz unumwunden.

Katja Hartwig, Produktionschefin der Phoenix GmbH, sucht zwischenzeitlich parallel nach einem anderen Drehort. "Wenn wir eine erneute Zusage vom ZDF erhalten, kommen wir anfang April wieder gerne nach Rügen", so Hartwig. Doch Nur mit einer funktionierenden Brücke. Die ist unser Hauptmotiv und wichtigster Zugang. Zur Klärung habe Phoenix nochmals Kontakt mit der Landesregierung aufgenommen.

Sollten die Dreharbeiten weiterhin behindert werden, muss die Kommune nicht nur den Imageschaden fürs Land tragen. Konkret erhält sie dann auch die Rechnung für Vorleistungen der Filmproduktion in Höhe von rund 30000 Euro.

"Hallo Robbie!" soll auch in der neuen Staffel ab 26. Dezember 2002 wieder Jung und Alt in den Bann ziehen. Meeres­biologe Dr. Lennart (Karsten Speck), der sich mit seiner 13-jährigen Tochter Laura (Laura Lehnhardt aus Stralsund) auf dem Anwesen der Familie Marten gut eingelebt hat, ist privat und dienstlich glücklich mit seiner Assistentin Carla Dux (Karina Kraushaar). Für Dr. Lennart und sein Team stehen die Themen Tier- und Naturschutz immer wieder im Vordergrund. Darüber hinaus machen faszinierende Tier- und Landschaftsaufnahmen der einmaligen Insel Rügen den Reiz dieser Serie aus. Und natürlich ist es immer wieder Robbie, die ihre Freiheit in den Gewässern Rügens so richtig ausleben kann.
dpa/mv kü / yymv
 
17.12.2002

Vier Millionen sahen Rügen-Bilder

Vier Millionen sahen Rügen-Bilder als buntes Potpourri
"Unser Robbie" läuft im ZDF an

Viel Geschrei und Kämpfe gab es, bevor die Berliner Phoenix-Film auf dem Rügener Gut Liddow "Hallo Robbie" fürs ZDF drehen durfte. Nach der Staffelübergabe am 25. Dezember kommt am heutigen Sonnabend um 19.25. Uhr die erste reguläre Folge.

Rügen (ostseh) · Durchschnittlich 4,37 Millionen Menschen sehen die Vorabendserie "Unser Charly" mit Ralf Lindermann als Tierdoktor Max Hennig an Spitzentagen, so die Abteilung Medienforschung des ZDF. 4,03 Millionen Zuschauer waren es am ersten Weihnachtsfeiertag, die zu ungewohnter Zeit nach dem Schimpansen Ausschau hielten und plötzlich auch auf die Robbe kamen. Das sind 16,2 Prozent Marktanteil und damit eine gute Quote für den Drehort Rügen.

Robbie und GruppeDabei sah es zu Jahresbeginn ganz schlecht aus für die Drehgenehmigung im Westen der Insel Rügen. Bürgermeisterin Ute Arndt (FDP) hatte mit ihren Getreuen im Gemeinderat beschlossen, dass die Arbeiten an der Serie kommunale ihre Pläne für die Vermarktung des Gutes Liddow, dem Hauptdrehort für die Rügenbilder, im Wege stünden. Denn ein Teil des Gutes gehört der Gemeinde und der andere ist zusammen mit seinen Bewohnern umstritten und soll an eine Immobilienfirma gehen.

Die Wogen schlugen hoch. Bis in die Staatskanzlei Schwerin, wo Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) just zu dieser Zeit einen Führer für das Filmland Mecklenburg-Vorpommern präsentiert hatte.

Dank verschiedener Befangenheitsanträge beschloss die andere Hälfte des Gemeindeparlaments in einer günstigen Situation, den Vertrag für "Robbie" zu unterschreiben. Und mit etwas Verzögerung konnte es losgehen. Auch die umstrittene Brücke hin zur Halbinsel mit dem Gut, in diesem Jahr gesperrt, ist nun dank einer Million Mark Fördergelder der Landesregierung in Angriff genommen worden und soll rechtzeitig für die weiteren Dreharbeiten im April kommenden Jahres saniert sein.

Doch zurück zum eigentlichen Handlungsstrang. Eingeführt in das Geschehen um den Affen Charly wurde am 25. Dezember ein weiterer Doktor namens Jens Lennart, der bürgerlich auf den Namen Karsten Speck hört. Und dieser darf mit Film-Tochter Laura (Laura Lehnhardt) aus Stralsund die "großartige Landschaft Rügens als Drehort entdecken, wie ZDF-Hauptredaktionsleiter Claus Beling sich im Vorfeld euphorisch zur "unverbrauchten Location Rügen" äußerte.

Dann fährt Doktor mit Affe aus Berlin zu Doktor mit Robbe nach Rügen.Und der ortskundige Zuschauer reibt sich bei der Überfahrt der beiden Berliner über die Glewitzer Fähre erstmals die Augen: Denn die Fernsehblicke sehen einen Segler vor der Kreideküste. Upps. Ganz neue Ausblicke in dieser "unverbrauchten Landschaft." Denn die Kreideküste liegt weit im Nordosten der Insel.

Dann gibt es Dialoge. Kurze, verständliche, wenn auch etwas hölzerne Sätze wie "Robbie fehlt!" "Oh jeh!"oder Karsten Speck zur Rolle des Alleinerziehenden: "Manchmal bin ich am Verzweifeln. Ich muss alles alleine entscheiden." Später kommt Action auf. Ein schwarzer Fischkutter mit finster schauenden Menschen kippt gelbe Brühe über Bord. Speck und Karina Kraushaar (Carla Dux) haben das Ergebnis in Form von toten Fischen schon entdeckt. Nur den Seelöwen unter Deck des schwarzen Schiffes noch nicht. Den findet am Ende natürlich Charly.

Für Inselbewohner ein nettes Spiel bei kommenden Folgen: Wie schnell gelangt man mit dem Fahrrad vom Sassnitzer Hotel "Meeresblick" ans Reddevitzer Höft? Denn die Kameraschwenks zwischen den zusammengefassten Örtlichkeiten sind atemberaubend schnell. Doch da darf sich ein Zuschauer natürlich nichts bei denken. "Das kennen wir schon vom "Bayer auf Rügen", erwidern Insulaner mittlerweile auch ganz abgeklärt.

Länger im Bild bleiben glücklicherweise die Hotels, in denen Jens Lennart auch mal "einen guten Kumpel sitzen hat", für den Charly dann noch mit dem Portier ein Gruppenfoto mit Schwenk über die bunte Fassade bekommt. Jetzt sollten die Zuschauer das Haus aber endlich erkannt haben. So schön kann man eben nur auf Rügen wohnen. Gelungenes Produkt-Placement. Aber gut, die Wirtschaft soll der Film ja auch beflügeln, fand selbst Ministerpräsident Harald Ringstorff zum Thema Filmland MV.

Farben wie gelber Raps, grünes Wasser oder schwedenrotes Seglerheim Grubnow, extra für viel Geld saniert, mit einem blauen Urlaubswetter: zum gelb ärgern, mitten im kalten Winter. Aber sicher für weniger befangene Zuschauer ein netter Aperitif, um die Hauptmahlzeit Rügen endlich mal zu kosten. Und alle Fehler des "Bayer auf Rügen" sollen hoffentlich nicht wiederholt werden. Dort wurde die Insel ja bekanntlich auf ein einziges Dorf reduziert.
Bleibt nur ein Problem: Was tun mit den Urlaubern, die sich bei der vergeblichen Suche nach Rügens Robben mit den Fischern anlegen. Die haben doch gerade gegen den Naturschutz beschlossen, dass die Insel keine Robbenansiedelung braucht. Da sollte also noch touristisch dran gearbeitet werden.

Spätestens im April wird "Specki" mit dem astralen Oberkörper dann wieder für neue Folgen seinen schwarzen Geländewagen über die Insel lenken. Hoffentlich nicht ohne Karina.
küma
 
Ostsee-Anzeiger Insel Rügen Dezember 2001
Junge Welt
Ostseezeitung
ddp

Die letzte Klappe für "Robbie"

Die letzte Klappe für "Robbie" fiel vor der Ersten
Gemeindevertretung in Neuenkirchen auf Rügen stimmt in Provinzposse gegen Filmprojekt

Neuenkirchen/Rügen (ostseh) · Der Westen Rügens zählt nicht zu den bevorzugten Gebieten auf Deutschlands größter Insel. Dazu gehört auch die Gemeinde Neuenkirchen, am Fuße des früheren Flugabwehr-Raketen-Bunkers. Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Denn der erste Förderbescheid mit der Nummer 01 des früheren Landrates Eckfeld ging 1990 dorthin. Für einen Golfplatz. Auf den wartet die Gemeinde bis heute. Ebenso auf ein Hafendorf, dessen erstes Musterhaus mit einem Grundstein von Angela Merkel zwar steht, das aber ohne Golfplatz keine Kläranlage und somit keine Betriebsgenehmigung erhält. Nun ist noch das Schweizer Konsortium ‚Alpine' aktiv. An das die Bürgermeisterin Ute Arndt (F.D.P.) Land verkauft hat. Darauf steht ein idyllisches Gutshaus, in dem seit 1975 Rolf und Karin Reeckmann wohnen. In seiner Art ist es ziemlich einzigartig und wenig verbaut. Und Reeckmanns streiten mit der Gemeinde seit langem über ihr Domizil, besser umgekehrt, das es ohne Bewohner heute wohl nicht mehr gäbe. Ute Arndt meint, die anhängige Räumungsklage stehe vor der Entscheidung. Und da kommt ein neuer Player ins Spiel: die Phoenix-Film aus Berlin, Produzent renommierter Vorabendserien wie "Unser Charly" oder "Dr. Frank" fürs ZDF. Die finden nach umfangreichem Location-Scouting, Liddow sei der Super-Ort für eine neue Serie mit alleinerziehendem Wissenschaftler Karsten Speck, Kind Laura aus Prora und einer Robbe, die eigentlich ein Seelöwe ist. "Robbie" soll die Serie heißen. Und so bald beginnen, dass die geplanten 78 Drehtage schon vor der Türe stehen. Doch das Bemühen von Produktionsleiterin Katja Hartwig, mit Ute Arndt einen Termin zu machen, scheitert seit Februar. Denn die Mehrheit der sieben Gemeindevertreter von Neuenkirchen folgt ihrer Bürgermeisterin in der Ansicht, man könne überall drehen, nur nicht im Gutshaus von Liddow. Das würde die Chancen des Prozesses schmälern. "Leere Haushaltskassen und kein Geld für Rügenwerbung sprechen schon allein für Film und Dreh auf Rügen, wie auch 'Ein Bayer auf Rügen' viel touristische Nachfrage produziert hat", weiß Bündnispolitiker Albrecht Kind im Vorfeld der eilends von der unterlegenen Opposition einberufenen Gemeindevertretersitzung. 244 Unterschriften von 375 wahlberechtigten Bürgern brachte Gemeindevertreter Dietrich Raschke (SPD) am Freitag dem 23. März mit zur Sitzung. Allerdings mit wenig Hoffnung. Er kenne die Sturheit von Ute Arndt schon seit Jahren, deren Klage gegen die Landrätin Rügens wegen Nichtigkeiten noch beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anhängig ist. "Die ist zu doll verbohrt", ist auch Angelika Schaffner wenig optimistisch. "Was hier passiert ist großer Scheiß und was sich die Frau Arndt erlaubt, grenzt an eine Katastrophe", nimmt auch Martin Haase aus Groß Stresow kein Blatt vor den Mund. "Ich finde, man sollte ihr wegjagen!" Haase hatte Reeckmann 1975 gefragt, ob er noch normal sei, als er den maroden Gutshof übernahm. "Aber er hat das fertiggestellt", bewundert er heute die Leistung. Dann beginnt die Sitzung pünktlich um 19 Uhr. Viel Klein Klein und Gerangel um die Geschäftsordnung. Kinder und erwachsene Bürger stehen mit Schildern in dem kleinen früheren Klassenzimmer und verstehen alles nicht. "Robbie soll bleiben". Sitzplätze sind schon lange aus. Die Mehrheit im Parlament beschimpft die Minderheit als Nestbeschmutzer. Frau Arndt entschuldigt sich zuckersüß bei Frau Hartwig, dass sie heute wegen der Kommunalverfassung nicht mit ihr zum Thema sprechen dürfe. Katja Hartwig bekommt in der zweiten Reihe einen roten Kopf nach dem anderen und beherrscht sich nur mühsam. Bisher hat sie sowas noch nicht erlebt. Sonst reißen sich Gemeinden um das Filmteam, in dessen Gefolge tägliche Verpflegung notwendig ist, Handwerker benötigt werden und auch der Sportverein mal neue Trikots bekommt. Natürlich mit Robbie drauf. Vom Imagegewinn noch gar nicht gesprochen. "Unser Charly", den "Robbie" ablösen soll, läuft seit sieben Jahren im ZDF-Vorabendprogramm. Das alles beeindruckt die Mehrheit nicht. Ebenso wenig wie bittende Worte von Kreispolitikern, drängende Worte des Staatssekretärs Ralf Austermann oder gewichtige Worte von Ministerpräsident Harald Ringstorff, der kürzlich erst ZDF-Intendanten Stolte um Unterstützung für Dreharbeiten in Mecklenburg-Vorpommern gebeten hatte.

"Sie sind leider zwischen die Gemeindevertretung geraten", suggeriert Ute Arndt ein vermeidbares Missverständnis an Katja Hartwig. Dann die Abstimmung. Vier zu drei. Wie gehabt. "Das ist das 'Aus' für Neuenkirchen", entfährt es Katja Hartwig und der Raum kocht. Ob sie Rügen als Drehort halten kann, sei nicht gewiss. "Dafür haben wir euch nicht gewählt." "Ihr seid eine Katastrophe", sind die zitierfähigen Sätze. Doch Holger Bunge (F.D.P.) aus der Mehrheit war sich schon im Vorfeld sicher: "In sechs Wochen hat sich das alles gelegt." Und dann wartet er mit seiner Bürgermeisterin weiter auf den großen Investor.
küma
 
Ostsee-Anzeiger Insel Rügen März 2001
Ostseezeitung
ddp

Unterwegs mit Dienstschiffen

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Sturmgespräche

Seenotretter bei Sassnitzer Sturmgesprächen erinnert an Untergang der Jan Heweliusz
Großhavarien sind zum Glück die Ausnahme

Tradition haben sie schon fast, die Sturmgespräche im Sassnitzer Fischerei und Hafenmuseum und so konnte Peter Popitz am Mittwoch vergangener Woche auch über 20 Gäste begrüßen. Besonders erfreut zeigte er sich darüber, daß neben alten Kämpen der Seefahrt auch jugendliche Segler anwesend waren und sich für die Seenotrettung interessierten.

Sassnitz · Gekommen war der erste Vormann Arthur Bellack vom in Sassnitz stationierten Seenotrettungskreuzer Arkona. Vormann, erläuterte Bellack, so heißen bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) die Kapitäne, die neben vier Mann Besatzung auch das Kommando über 3200 PS, verteilt auf drei Maschinen, haben. Natürlich beginnt eine solche Runde mit geschichtlichen Daten. So existiert die DGzRS seit 1865 und verfügt heute über 50 Schiffe, die Längen von sieben Metern bis 44 Metern umfassen. 27 Meter beispielsweise hat der im Westhafen stationierte Kreuzer Arkona, der dort in Dauerbereitschaft liegt. Dies bedingt Schichten von 14 Tagen, denen dann die Freiwache folgt. Neun Mann hauptamtlicher Besatzung teilen sich diesen Dienst in Sassnitz, jahraus, jahrein. Nur Weihnachten und Silvester wird gewechselt. Und da kommt Arthur Bellack auch gleich auf einen Punkt, wo er sich Unterstützung wünscht. Denn trotz Hauptamtlichkeit, die im Normalfall ausreicht, können in vielen Regionen die Seenotretter auch auf Freiwillige zurückgreifen, welche im Ernstfall vom Arbeitgeber ohne Probleme freigestellt werden. 700 an der Zahl sind das bundesweit. Zwar gibt es auch auf Rügen vier Freiwillige, aber bei wirklichen Ernstfällen können das nicht genug sein. Das sei technisch bedingt, erläutert Arthur Bellack. Denn wenn er beispielsweise das Tochterboot Caspar aussetzen muß, sind dort schon zwei Leute der vier oder fünf Mann Besatzung gebunden. Ebenso dann auf der Arkona. In solchen Fällen sind ausgebildete Freiwillige zur Unterstützung sehr nützlich.

So beispielsweise in den frühen Morgenstunden des 14. Januar 1993 kurz vor fünf Uhr. Auf Rügen ist zu diesem Zeitpunkt gerade Stromausfall und der Rettungskreuzer hat auf Eigenversorgung umgestellt. Da empfangen sie eine verstümmelte May-Day-Meldung. Auch Rügen Radio hört den Notruf.

SAR in Aktion

SAR in Aktion

VERNENA MIT WINDSTÄRKE 12

- Heavy List - schwere Schlagseite sind die letzten Worte, die von der polnischen RoRo Fähre aufgefangen werden. Während die Zentrale der DGzRS offiziell Seenotrettungskreuzer zum Einsatz schickt, gehen die Leute auf der Jan Heweliusz in die Boote. 5.07 Uhr geht der Alarm beim Search and Rescue Standort (SAR) des Hubschrauberlandeplatzes Parow ein. Während der schnelle Helikopter von Parow um 7.20 Uhr den ersten Verletzten an Bord nimmt, kämpfen sich die Retter der Arkona noch durch die eisige See. Es herrschen Windstärken von 12 und mehr und alle wissen, daß bei diesen Temperaturen und Wetterverhältnissen jede Minute zählt. Erst auf der Fahrt gelingt es der Besatzung, mittels Leitstelle und anderen Auswertungen, das Suchgebiet einzugrenzen. 19 Seemeilen südöstlich Arkona wird später als letzte Position festgelegt. Die Informationen komplettieren sich langsam. Etwa 60 Menschen sollen es sein, Besatzungsmitglieder und Passagiere. Doch schon zehn Seemeilen vor der mittlerweile eingegrenzten Position empfängt die Männer um den 2. Vormann Hermann Beilfuß das grausige Bild umherschwimmender Rettungsinseln und menschlicher Körper. Alles fliegt in den kurzen Wellen der Ostsee einschließlich der Arkona durch die Luft auf und ab. Eine tosende Hölle. Zwei Männer werden außenbords angeseilt und stehen auf der unteren Schlingerleiste. Später wird jemand das Bild eines Trittbrettfahrers auf der Achterbahn dafür prägen. Doch in diesem Moment ist keine Zeit mehr für Gedanken. Fangnetze sind ausgebracht und man greift nach allem, was nach Mensch aussieht. Zwei Besatzungsmitglieder werden so unter übermenschlicher Kraftanstrengung an Bord geholt. Beide haben Überlebensanzüge an. Alle Lebensretter wissen, daß es ohne diese Anzüge schon bald keine Chance mehr gibt. An weitere Schiffbrüchige lotst der Vormann die Hubschrauber heran. Ein Froschmann wird abgeseilt, der die Besatzung eines Floßes Mann um Mann aufpickt. Doch zunehmend gilt die Sorge den beiden Geretteten an Bord. Die Übergabe an einen Helikopter scheitert und auch der Arzt kommt wegen der See nicht ran. Nachdem der polnische Rettungskreuzer Hurrican die Koordination vor Ort übernimmt, fällt der Entschluß zur Rückkehr. Starke Unterkühlungen legen den Organismus lange Zeit auf Notversorgung und oft kommen andere Faktoren hinzu, die über Leben und Tod entscheiden. In solchen Fällen müssen die Retter auch Mediziner sein. Heutzutage ist es beispielsweise möglich, per Funk das EKG zur Diagnose an die Leitstelle zu übermitteln.

13.35 Uhr: Ankunft im Sassnitzer Hafen. Die Verletzten werden geborgen und ins Krankenhaus gebracht. Die Freiwache um Arthur Bellack übernimmt und läuft 14 Uhr wieder aus. Zwar stoßen die Männer dann auf den kieloben treibenden Rumpf, doch die Meldungen sprechen zu dieser Zeit nur noch von Toten. Auch die Arkona, die das ausgesetzte Tochterboot im Sturm nicht mehr aufnehmen kann, findet keine Überlebenden mehr. Zwölf Schiffe verschiedener Nationen waren im Einsatz gewesen und bis zu 15 Helikopter. Der später entbrannte Streit um Pannen seitens der Rettungskräfte ist ausgewertet. Kritisiert wurde vor allem, daß Militärflieger in Parow nicht starten durften und nicht auf polnische Angebote wegen der schlechten Sicht zurückgegriffen worden sei. Daß die neun Überlebenden gegenüber den 55 Opfern nur Besatzungsmitglieder in Schutzanzügen waren, führte zu Verbesserungen der Rettungsmittel für Passagiere. Eine Reihe von ähnlichen Unfällen, die auf Mängel an den Klappen der RoRo Fähren zurückzuführen waren, so fast zeitgleich auf der Diana II - führten nach dem Estonia Unglück im September 1994 mit über 852 Toten zum Verschweißen des Bugvisiers solcher Fähren. Heute ist dieser Mangel behoben.
küma
 
Quelle: Ostsee-Anzeiger Rügen 1999

Zu Gast auf dem Fischkutter "Havel"

Zu Gast auf dem Fischkutter "Havel"
Das Fischerei- und Hafenmuseum Sassnitz lädt zur Schiffs-Besichtigung ein

Ein rostbrauner Kutter an der Sassnitzer Kaikante. Ganz alltäglich. Wie er da vor dem Fischerei- und Hafenmuseum liegt, mit den so typischen Rundungen der 50er-Jahre, könnte er "Dornhai", "Seefuchs" oder "Blauwal" heißen. Die arbeiten alle noch - und sind nicht öffentlich zugänglich. Die "Havel" dagegen ist ein Museumsschiff. Nummer fünf von insgesamt 50 der 26-Meter-Kutter. 1956 auf der Reparaturwerft Stralsund vom Stapel gelaufen.

Wer hier an Bord kommt, wird nicht mehr von Fischgeruch empfangen. Sondern vom Nautiker und Museumsleiter Klaus-Peter Poppitz. Ein kleiner Ausflug in die Schifffahrtsgeschichte jener berühmten Kutter gefällig? "Wir waren sieben Mann Stammbesatzung, die achte Koje gehörte dem Lehrling", kommt der 1940 geborene Poppitz auf der Brücke zur Sache. Der Blick fällt auf Instrumente für die Maschine, ein messingbeschlagenes Steuerrad, UKW-Sender, Netzschreiber, Magnetkompass, Radar. "Auf See haben wir keinen dieser Kutter verloren, obwohl wir bis in den Englischen Kanal fuhren. Einen allerdings im Strelasund und einen im Hafen Rostock."

Dass die "Havel" heute noch auslaufen kann, beweist Maschinist Erhard Eichner. Und wirklich sieht alles aus, als hieße es gleich: "Leinen los!" Eichner verschwindet im Maschinenraum, gleich darauf pfeift es direkt vor dem Gesicht von Poppitz. Der zieht einen Stöpsel aus einem Mundstück und lauscht den Worten seines Maschinisten. Durch ein Rohrsystem. Bordkommunikation. "Für die Seeleute damals war die 'Havel' eine enorme Errungenschaft", stimmt Poppitz seine Gäste auf einen 20-minütigen Rundgang über das Schiff ein. "Sie hatte nur einen Nachteil: Die Bordelektrik mit 110 Volt." Etwas leistungsschwach. "Erst später wurde die Reihe auf 220 Volt umgestellt. Stromunabhängige Systeme bewährten sich deshalb an Bord. Einfach, zweckmäßig, wartungsfrei."

Die wirkliche Errungenschaft, erzählt Poppitz auf dem Weg zur Messe, "war die Sicherheit, dass niemand bei hoher See aus den Kojen im Vorschiff über das Arbeitsdeck kommen musste." Denn: Auf dem 26er war alles kompakt beisammen. "Bei Sturm wetterten wir hier oben gemeinsam ab. Das vertrieb bei neun Windstärken auch die Angst."
Wie es früher auf See aussah, zeigen die Fischer in der Messe anhand alter Amateurfilme: Fünf bis sechs Tage reichte das Eis für den Frischfisch. "Da wir Prozente am Ertrag bekamen, wollten wir die rund fünfzig Tonnen auch an Bord haben, die der Kutter bunkern konnte. Fischen bis zum Umfallen also. Dann war Schicht."
Zum Noppen, dem Abschneiden des Kopfes beim Hering, "hatten wir später eine Maschine an Bord und später von Backbord auch den Spritzschutz, damit einen die See nicht so erwischte".


Der 26-Meter-Kutter "Havel" im Sassnitzer Hafen. Foto rechts: Maschinist Erhard Eichner ist in seinem Element - im Maschinenraum. Die Hauptmaschine liefert 250 PS

Weiter zur Kombüse, wo sich Kohle im Alltag mangels Strom als sicherer erwies als Propangas.
Und dann: "Folgen Sie mir zum Herz des Kutters", übernimmt Maschinist Eichner das Kommando. Das wollen die meisten der jährlich rund 15 000 Besucher sehen - vor allem die Männer: Die Maschine - einen Langsamläufer aus Magdeburg, 350 Umdrehungen pro Minute, 250 Pferdestärken. "Gestartet wird mit Druckluft. Hier unten ist nahezu alles doppelt ausgelegt, so dass der Maschinist bestimmte Funktionen der Brücke direkt übernehmen kann", erklärt Eichner. "Würden zum Beispiel die Seile des Maschinentelegrafen reißen, sage ich über das Sprachrohr Bescheid und ich fahr' die Maschine von unten." 42 Liter verbraucht der Diesel pro Stunde, 24 000 Liter fasst der Tank. "Kraftstoff für knapp einen Monat. An Deck mitarbeiten musste auch der Maschinist. Nur der Kapitän blieb auf der Brücke."
Lenz- und Kühlwasserpumpen, Feuerlöschsystem - man musste die Ventile schon kennen und im Griff haben, sind die Seebären in ihrem Element. Weit unter der Wasseroberfläche: "3,80 Meter ist der Tiefgang - daher sind diese Kutter so seetüchtig", weiß Poppitz. Eichner kurbelt derweil den Hilfsdiesel an. Dramaturgisch ein guter Abschluss: Bei dem Lärm wollen die meisten Besucher an Deck . . .

Infos: Dienstag bis Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr, Teil des Fischerei- und Hafenmuseums, Eintritt: 3,50 Euro
küma
 
Quelle: Ostseezeitung - Ozelot, 27.01.2005

Die ÖL-Armada vor Klein Zicker

Die ÖL-Armada vor Klein Zicker
Zusammenspiel von vier Spezialschiffen und Rettungsdiensten erprobt

Klein Zicker an der Surf-Oase. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und StAUN laufen auf. Am Horizont die Silhouetten von vier großen Schiffen. Im Öl-Ernstfall würde die Oase zur schwarzen Wüste werden.

bolt sandKlein Zicker · Angenommen, es wären in den frühen Morgenstunden des 19. September vor Swinemünde zwei Frachtschiffe kollidiert. Ruderversagen könnte einer der Gründe sein, weshalb rund 45000 Liter Bunkeröl in die Ostsee laufen. Die polnischen Behörden haben das Mögliche schon getan und informieren ihre deutschen Kollegen. 30 Quadratkilometer ist die Ausbreitung des Ölteppichs zu dieser Zeit schon. Die Nordwestströmung treibt das dunkle und zähe Gemisch ab der Küste Usedoms Richtung Greifswalder Oie, Ruden und Thiessow.

OSK 1"Wenn hier irgendwas mit Öl passiert, ist unsere Existenz auf Jahre hinaus gefährdet und zerstört," sagt Gisela Zorn, Bürgermeisterin des Ostseebades Thiessow. Deshalb steht sie mit Fernglas und Kamera bewaffnet wie ein Dutzend anderer Offizieller am Strand und beobachtet. Drumherum herrscht reges aber konzentriertes Treiben. Ein orangfarbenes Fahrzeug mit Raupen und Anhänger fährt vor. Fachleute sprechen begeistert vom ,Hecklund-Gerät`. Einem Amphibienfahrzeug, ursprünglich von der norwegischen Armee. Es soll an das ebenfalls gerade vorgefahrene Landungsboot ,Orfe`andocken, um von dort Lagerfolien für Ölreste zu übernehmen. Doch während die Orfe ihre Frontklappe öffnet, zieht sich das Fahrzeug wieder zurück und ein Unimog des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) kommt zum Einsatz. Bis über den Kühlergrill reicht die Ostsee, doch der Auspuff endet erst weit über dem Dach. Was den Fahrer und die Männer vom StAUN triumphierende Gesichter machen lässt. Auf die Rampe, beladen und wieder zurück. Kein Problem für das Allradfahrzeug.

vilmSolches Spezialgerät wurde seit 1995 im Wert von rund 10 Millionen Mark im Land angeschaft. Die Übung seines Einsatzes ist wesentlicher Bestandteil des reibungslosen Funktionierens im Ernstfall. "Hier geht es nicht um Action, sondern tatsächlich um das Erproben verschiedener Techniken mit diesem Gerät um Erkenntnisse zu sammeln", erläutert Eckard Bork, Chef des StAUN Stralsund. Doch er erinnert auch an den Untergang des Frachters Erika vor der Bretagne, wo die meiste Arbeit ganz archaisch am Strand mit Eimern und Schaufeln stattfand, weil die hochmodernen Schiffe wegen Seegang und Kälte nur geringe Teile des Öls auf dem Wasser bergen konnten.

bolt sandDie rechtzeitige Ölbekämpfung an Land üben auch Männer der Feuerwehr Stralsund zusammen mit Rügener Kollegen. Sie haben zwischenzeitlich eine gelbe Ölsperre am Ufer ausgebracht. Durch ihre Öffnungsseite läuft ein sogenannter Mob, der in vielfacher Länge tatsächlich wie das Haushaltgerät aussieht. An zwei Bojen befestigt rotiert das Band mit den weißen Fusseln und greift im Ernstfall das aufgefangene Öl von der Wasseroberfläche ab. Der Anhänger mit der Winde ist auch Sammelbehälter für die Emulsion aus Öl und Wasser.

Pünktlich nach Plan um 10.30 Uhr fliegt das Ölsuchflugzeug Dornier DO 28 über die Dienstschiffe vor der Küste. Dieses versorgt das Doppelrumpfklappschiff ,Bottsand' mit den notwendigen Informationen über Lage und Treibrichtung, ebenso wie das Flaggschiff ,Scharhörn', das vom WSA damals in die Bretagne beordert worden war und die ,Vilm', letztere beim WSA Stralsund stationiert.

scharhörn olschiffAlle haben unterschiedliche Aufnahmetechniken für Öl an Bord und speziell die ,Vilm' soll in Küstennähe arbeiten können, was Aufnahme von Verunreinigungen und Speicherung in den Tanks bedeutet. Sie fährt zwei Arme aus, saugt ab und separiert das Gemisch vor dem bunkern von Wasser.

Peter Schmidt, nautischer Mitarbeiter des WSA Cuxhaven, ist zufrieden, wenngleich er erste Schwachpunkte ausgemacht hat. So war das StAUN Stralsund nicht per Behördenfunk zu erreichen wie alle anderen Kräfte. Was sich beseitigen lässt. Das Wetter allerdings nicht, das an diesem Tag bei sechs Windstärken für die ,Vilm' kein Bergen des Öls zugelassen hätte. Und man war schon extra weit in den schützenden Bodden gegangen.
küma
 
Ostsee Anzeiger Rügen, 27.09.2000

Mit Baggergut von Sassnitz nach Peenemünde

Mit Baggergut von Sassnitz nach Peenemünde
Hafenschlamm auf Reisen

Der Besucherstrom im Sassnitzer Stadthafen ist abgeebbt. Nur vereinzelt suchen Touristen nach Attraktionen. Das ist derzeit nur der große Schwimmbagger, welcher seit dem Sommer das Hafenbecken vertieft. Schlamm, Unrat und Überbleibsel des Hafenbetriebes bis hin zu vollen Heringsfässern haben sich seit Mitte des Jahrhunderts fast kontinuierlich angesammelt. Die Zuschauer gehen davon aus, daß die vom Bagger prall gefüllten Schuten ihr Gut verklappen, also im Meer versenken. Weit gefehlt. Ein Verklappen kam wegen der teilweise hohen Belastung durch Pflanzenschutzmittel nicht in Frage.

Sassnitz/Peenemünde · Es ist Mittwoch, kurz vor sieben. Dämmerung liegt über dem Hafen. Etwas entfernt sind die rot-weißen Lichter eines Fahrzeuges in der Hafenmitte auszumachen. Es ist der Schwimbagger »Krake«. An der Kaikante erwartet mich Bauleiter Erwin Filbrich von der »Anton Müsing GmbH & Co. KG« schon ungeduldig. Seit sechs Uhr wird gebaggert und weil der Grund nicht so fest war, wie erwartet, ist die Schute »Wittow« schon gefüllt und abfahrbereit. Mit ihr will ich den Weg des Baggergutes verfolgen, das Schaufel um Schaufel, Schute um Schute mit Südkurs den Hafen verläßt.

Eine kleine Motorbarkasse setzt uns über und das Betreten fällt leicht: liegt doch der mittlere Teil der Schute fast unter Wasser, so voll ist sie. Erwin Filbrich weist mich kurz ein. Zeit ist Geld und es liegt förmlich auf der Hand, daß es hier um große Summen geht. Wie mir Gunther Rohrbeck von der Hafenbetriebs- und Entwicklungsgesellschaft (HBEG) vorher bestätigt hat, ein Volumen von rund Sechs Millionen Mark. Zehn Prozent, also 600 000 Mark, ist der Anteil der HBEG. Der Rest kommt vom Land. Mittlerweile hat der Bauleiter auf der »Wittow« einen Plan ausgebreitet, auf dem das Hafenbecken dicht an dicht mit kleinen Zahlen bedeckt ist. Wir befinden uns vor dem alten Fähranleger im Freihafen. "Hier sehen Sie die Urpeilung, nach der gebaggert wird. Dann folgt eine Schlußpeilung, welche die Grundlage für die abgebaggerten Massen ergibt. Jede gelotete Tiefe wird mindestens zehn mal gerechnet, um einen Mittelwert zu erhalten," führt er weiter aus. "Danach wird abgerechnet." Nach Fertigstellung folgt eine sogenannte Rahmenfahrt, bei der die tatsächliche Tiefe zwischen sechs und acht Metern kontrolliert wird. Am derzeitigen Platz sollen, so alles klappt, zukünftig die Kreuzfahrer anlegen, die bisher weitab im tieferen Westhafen vor Anker gingen. Wir reden von rund 97 000 m³ Schlick, Sand und Mergel. Das entspricht, versuche ich mir eine räumliche Vorstellung zu machen, ungefähr 90 000 mittleren Bäumen.

Die Zeit drängt. Nach dem Ablegen mache ich mich mit Kapitän Ulrich Magunsky und dem technischen Offizier Dieter Rölecke bekannt. Beides sind alte Profis der Seekiesbaggerei und arbeiteten auch schon zu DDR-Zeiten mit der Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei in Finnland, Bulgarien oder vor Cuba. Um acht Uhr meldet Kapitän Magunsky bei »Sassnitz Port« sein Auslaufen. Langsam setzt sich die »Wittow« in Bewegung. Umgehend legt die »Dänholm« am Bagger an. Die »Zingst«, ein hinzugechartertes Schiff anderer Bauart, ist unterwegs. Unser Ziel ist die Tonne »Mukran 2«, an der sich die Besatzung wie an verschiedenen anderen Punkten melden muß. "Sie haben ja wirklich Glück mit dem Wetter", höre ich mit Freude. "Gestern war Nebel und den Tag vorher ging die See bis hoch zur Brücke." Auch wenn die »Wittow« ob ihrer Ladung mit 550 m³ so satt im Wasser liegt, daß ich mir Rollbewegungen kaum vorstellen kann, ist es auch mir so lieber.

Während die Trelleborger Fähre und die von Klaipeda kreuzen, ist Zeit für Unterhaltung, denn die ungefähre Ankunft im Hafen Peenemünde ist für 12 Uhr avisiert. Sechs Knoten beträgt unsere Geschwindigkeit. Die »Wittow« wird wie alle anderen See-Fahrzeuge dieses Auftrags, von zwei Mann gefahren. Früher waren es noch acht beim Dienst rund um die Uhr. Ich lasse mir die Technik erklären. Frage, warum der übervolle Schiffskörper überhaupt schwimmt. Ganz einfach ist die Antwort. Rund um den Laderaum sind Lufttanks. Die tragen die Schute, wenn sie mit einem sechs Meter langen Hydraulikzylinder den Boden des Laderaumes öffnet und verklappt. Kapitän Magunsky kann das leider nur theoretisch erläutern, denn unsere Fracht darf nicht verklappt werden. Genauso mühevoll, wie sie in rund vier Stunden geladen wurde, soll auch das Entleeren wieder vonstatten gehen.

Am Nordpeerd ändert der Kapitän den Kurs, während ich nochmals technische Unterweisung erhalte. Wenn sich der Schiffsboden bis zu 60 Grad öffnet, bekomme ich anschaulich erklärt, sitzt schon mal ein Stück Eisen an den Ketten oder ein Stein. Dann müssen Taucher ran. Aber auch witzige Erlebnisse gibt es beim Verklappen. So verirrte sich bei Nacht auch schon mal ein Schwarm Heringe oder sogar Hornfisch in den erleuchteten Schiffsbauch, was der Hausgemeinschaft in Stralsund und Rostock viel Freude beschert hatte.

Langsam wird es dann still, nur ab und an unterbrochen von Wetter- und Schifffahrts-Meldungen durch Wolgast-Traffic. 10.30 Uhr funkt beim Anlaufen der schmalen Fahrrinne das Fahrgastschiff »Mönchgut«. Der Kapitän signalisiert freundlicherweise, daß er ausweicht. 10.55 Uhr ein erneuter Kurswechsel. Dann beginnen wir wieder zu philosophieren. Heute geht das, weil keine dringenden Arbeiten unter Deck anliegen. Was wohl alles schlammbedeckt im Bauch des Schiffes sein könnte ? "Kürzlich hat es sogar Bombenalarm gegeben", berichtet Dieter Rölecke, "doch der Gegenstand entpuppte sich als Minensuchgerät. Alle an den Arbeiten Beteiligte sind für solche Fälle unterwiesen". Immerhin lag Sassnitz 1945 auch unter Bomben.

Am Horizont ist schon die entgegenkommende »Zingst« zu sehen, welche nachher die »Dänholm« ablösen wird. Auch der Kapitän wird am Ruder abgelöst und geht in die Kombüse. Mittags kocht meist er, weil Dieter Rölecke von sich sagt, daß er sogar Wasser anbrennen würde.

Wir fahren in den Knaak-Rücken. Danach führt die Fahrrinne im Zickzack zum Peenemünder Hafen hin. 12.10 Uhr machen wir gegenüber dem Peenemünder Museum fest. Während dort Geschichte sichtbar ist, steckt unsere im Schlamm, der sofort mittels Bagger auf Muldenkipper, Dumper genannt, geladen wird. 3,5 Stunden soll das dauern.

Nach dem Essen geht meine Fahrt mit Vorarbeiter Rolf Herzfeld zum sogenannten Spülfeld. Mit Folie an den Rändern abgedichtet und am Grund dicht gemacht, sind große Wannen entstanden, in die der vielfache Bauchinhalt der »Wittow« gekippt wird. Nach langer Prüfung vom STAUN und Landkreis wasserrechtlich genehmigt. Roland Grapenthin, Chef des Peenemünder Flugplatzes plant, in ungefähr einem Jahr nach Trocknung alles mit tonhaltiger Abdeckung zu versehen. Das frühere Aschefeld des Kraftwerkes soll dann wieder Kulturlandschaft sein. Derzeit ist es aber eher eine Kraterlandschaft, durch die schwere Technik pflügt.

Um 16 Uhr die Auslaufmeldung der »Wittow« an Wolgast-Traffic. Gerade noch orten wir im Dämmerlicht kurz nach der Hafenausfahrt die alten Wracks der Volksmarine. Dann ist es dunkel. Doch auf dem Radar sind an diesem Abend mehr Schiffe zu sehen, als den ganzen Tag. Die Bundesmarine macht eine Übung. Routiniert findet die Besatzung der »Wittow« den Weg zurück. Wie viele Male zuvor wiederholt sich die Prozedur, als es um 20 Uhr heißt: Fest! und die »Krake« umgehend wieder beginnt, bis maximal 22 Uhr ihre Schaufel in die Schute zu entleeren. Ulrich Magunsky und Dieter Rölecke freuen sich. Das bedeutet, daß sie morgen wieder eine Tagschicht haben.
küma

Prunkstück des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie

Prunkstück des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie:
Das Forschungsschiff Deneb

16 Mann und 32 Berufe

DenebDas Schiff ist 52,05 Meter lang und 1994 in Dienst gestellt. Jeder Längenmeter ist rund eine Million Mark wert. Denn neben den Baukosten von 46 Millionen sind noch umfangreiche technische und wissenschaftliche Einrichtungen an Bord. Und weil die Länge aus Kostengründen vorgegeben war, ist auch die Lösung der unterschiedlichen Arbeitsfelder kompakt und sehenswert. Hauptaufgabe der "Deneb" ist die Vermessung. Doch Wissenschaft und Wracksuche gehören ebenso zum Alltag der sechzehnköpfigen Besatzung. Der Autor begleitete die Arbeit des Forschungsschiffes einen Tag lang vor der rügenschen Hafenstadt Sassnitz.

Sassnitz / Westhafen · Wer regelmäßig den Hafen besucht, hat die gedrungene Silhouette der "Deneb" sicher schon gesehen. Fast scheint sie, so lang wie hoch zu sein, wenn sie nachts in voller Beleuchtung dort liegt. Und das kommt immer wieder vor, denn ihr Arbeitsgebiet ist die Ostsee.

kapitaen

Kapitän Ulf Ziemer berechnet die
genaue Position zum "Vermuren"

Deneb

Der Vermessungsstand

DenebZwischen halb acht und acht erwarte man mich an Bord, hatte mir Kapitan Ulf Ziemer am Vortag überraschend auf eine frühere Anfrage hin mitgeteilt. Da die "Deneb" selten an den Ausgangshafen zurückkehrt - häufig auch auf See ankert - sei die Gelegenheit gut, mich am Abend wieder in Sassnitz abzusetzen. Als ich eintreffe, nieselt es leicht, doch die See ist ruhig. "Schlecht für ihre Fotos, aber für unsere Arbeit gut", begrüßt mich Kai Twest, 1. Offizier, Nautiker und Vermessungsingenieur, während der Chief noch am C-Netz-Telefon den Tagesplan nach Rostock durchgibt. Dort sitzt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie, (BSH) das als Reeder für das Spezialschiff fungiert. Kai Twest führt mich schon mal auf der riesigen Brücke rum. Neben dem hochtechnisierten Steuerstand fällt vor allem ein Rondell auf, das die Kontroll- und Aufzeichnungsgeräte für die Unterwasservermessungen in sich birgt. Neben dem Arbeitsplatz des Nautikers ist zentral noch ein zweiter großer Tisch, um das gewonnene Material auszubreiten. Zudem Bildschirme überall wie der des Aufzeichnungssystems, von dem die gelegentlich an Bord weilenden Wissenschaftlerlnnen alle nur erdenklichen Daten abgreifen können. Jeweils an sieben speziellen Arbeitsplätzen. Ulf Ziemer, fertig mit seinem Telefonat, stellt mir den Rest der Wache vor. Rudergänger Herbert Labahn und Vermessungstechniker Matthias Hollmichel. Zudem noch der nautische Offizier Gerhard Kuprat. "Viele Streifen heute auf der Brücke", bemerkt Kai Twest nebenbei. Dann nehmen Ziemer und Twest ihren Plätze am Joi-Stick ein - Steuern ist heute Feinarbeit mit der Elektronik. Von einem Steuerrad keine Spur. Die Meldung erfolgt bei Sassnitz Traffic um 8.15 für Arbeiten eine Meile südlich der Reede. Nach einem Signal folgt die Aufforderung an die Besatzung, die Positionen einzunehmen. Man siezt sich freundlich. Kapitan Ziemer erläutert mir nach dem Auslaufen die Sonaraufzeichnungen des Vortages. Sie sind auf einem Spezialkunststoffpapier ausgedruckt und man sieht einen eiförmigen Gegenstand darauf. Spekulieren will er nicht, denn die Sonarimpulse werden an 60 verschiedenen Punkten des Unterwasserschiffes mitschiffs von der Seite in das Zielgebiet geschickt. Kleine Kursverschiebungen ergeben sofort Verzerrungen im aufgezeichneten Bild. Aber Kai Twest tippt etwas verwegener auf ein Kutterwrack. Um den Aussetzpunkt für die Taucher festzulegen, steuert die Crew den riesigen Schiffskörper mehrfach parallel am Untersuchungsgebiet vorbei. Ein Rechner zeichnet die "Tracks"' im Vermessungstand auf und die Steuerleute fahren danach exakt den Kurs auf Kommando der Vermesser. Wie genau das sein muss, zeigt ein weiterer Vorgang. Denn mitschiffs wird die Unterwasserströmung gemessen, um damit die Echolotungen zu eichen. Vermessung, so Kai Twest, ist eigentiich nur die genauere Navigation und damit recht ähnlich. Für mathematische Legastheniker wie mich trotzdem ein Trauma.

DenebAnders als in der reinen Wissenschaft haben die Deneb-Leute keine Angst um ihre Arbeitsplätze. Sie haben eine hoheitliche Aufgabe, die Fahrgewässer zu überwachen und danach die Karten zu aktualisieren. Und da die See ständig in Bewegung ist, folgt ihr die Deneb. Dass dabei auch historisch wertvolle Objekte für die Archäologen des Landesamtes für Unterwasserarchäologie entdeckt werden, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Doch Torpedos waren es auch schon und einmal sogar ein U-Boot. "Zuerst dachten wir, der Taucher will uns verarschen, als die Meldung kam. Doch dann war es ein "Seehund". Eines der beiden einzigen erhaltenen Klein U-Boote seiner Klasse aus dem 2. Weltkrieg.

Auf dem Achterdeck machen sich aufgrund der oben ausgewerteten Angaben die Taucher Uwe Seidel und Michael Holzhauser bereit, während die Deneb mit zwei Ankern "vermurt" wird. Eine Technik, die mit Bug- und Heckanker eine feste Position über dem Wrack ermöglicht. Viermal werden die beiden Taucher an diesem Tag ins Wasser gehen und, wie so häufig, das gefundene Objekt an den über den Boden ragenden Positionen vermessen. Tatsächlich stellt es sich als 12-Meter-Kutter heraus. Doch es bleiben neue Rätsel.
küma
 
Ostsee-Anzeiger Insel Rügen, Februar 2000

Unterwegs mit dem Forschungsschiff Deneb/Folge zwei

Unterwegs mit dem Forschungsschiff Deneb/Folge zwei
Schwimmendes Werkstattlabor

In der letzten Ausgabe berichteten wir vom 52,05 Meter langen Forschungsschiff "Deneb" des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie. 16 Personen sind regulär dort im Dienst. Zudem kann das Schiff für Forschungsaufgaben bis zu sieben WissenschaftlerInnen mit an Bord nehmen. Eine umfangreiche Datenanlage ermöglicht, an diesen Arbeitsplätzen jeden denkbaren Wert abzugreifen. Auf dieser Fahrt untersucht die Deneb vor den beiden Sassnitzer Häfen das Fahrwasser, um die Ergebnisse in die aktuellen Seekarten einzuarbeiten. Das Wrack eines alten Fischkutters wurde schon geortet. Doch auf der Suche nach einem verschwundenen Tonnenstein fand die Besatzung eine ganze Reihe von Objekten mit unbekannter Bedeutung.

Sassnitz · 10.30 Uhr ist der erste Tauchgang am Wrack des Fischkutters absolviert. Die Vor- und Achterdeckpositionen werden wieder auf Kommando besetzt zum Ankerlichten. Nach der Vermurtechnik ebenfalls ein langwieriges Verfahren, weil mehrere dutzend Meter Ankertrosse draußen liegen. Und am Ende müssen beide Anker von einer dicken Schlickschicht gereinigt werden. So hat sich das tonnenschwere Gerät bis zum Halten in den Boden eingegraben. Es fällt schwer, unter der Besatzung die Orientierung zu behalten, denn immer wieder stehen die Männer mit Mehrfachausbildung auf anderen Arbeitsplätzen. Nur die beiden "Küchenbullen" Walter Lange und Klaus Niemann sind nicht an Deck. Sie verbreiten über die verschiedenen Öffnungen der voll klimatisierten "Deneb" gute Düfte aus der Kombüse unter Deck.

Über die sechzig Sonarsender am
Schiffsboden werden genaue
Sonaraufzeichnungen erstellt.

Vorsichtshalber hatten mich Kapitän und 1. Offizier dazu vergattert, es mit den Positionen nicht so genau zu nehmen. Sie sind zwar alle ständig einsehbar, aber man möchte nicht Anlass bieten, dass an sensiblen Stellen plötzlich Hobbytaucher ihr Glück versuchen. Wertvolle Funde werden dem Landesamt für Bodendenkmalpflege gemeldet, wo unter Regie von Thomas Förster dann der Kutter "Seefuchs" genauere archäologische Untersuchungen mit meist ehrenamtlichen Tauchern vornimmt. Manche der Funde können dann zukünftig auch im neuen Sassnitzer Museum für Unterwasserarchäologie im alten Fährbahnhof bestaunt werden. Doch zurück in unser Revier. Die zweiten seit 11.15 Uhr erstellten Sonaraufnahmen zeigen etwas wie eine Reihe von Böcken, auf denen möglicherweise einmal eine Leitung langgelaufen war. Kapitän Ulf Ziemer erklärt mir, dass beispielsweise vor Lohme der Grund voller Kabel sei. "Dort war eine Entmagnetisierstation der NVA, die vom Eisbrecher "Vormann Jantzen" im Bedarfsfall mit Strom versorgt worden war. So etwas kann man natürlich nicht abbergen. In der Seekarte erscheint das Gebiet in einem gestrichelten Rechteck nach neuen Vorgaben als "Foul", also "unrein." Was die Crew aber zusätzlich beunruhigt, sind zwei längliche Gegenstände neben den Blöcken. Das können nur die Taucher klären. Und so rüsten sich Michael Holzhauser und Uwe Seidel zum nächsten Tauchgang im kalten Winterwasser. Sie haben klare Tauchzeiten, über die an Bord auch gewacht wird, wenn der jeweilige Mann unter Wasser ist. Denn der Körper braucht seine zeit, um sich von den Tasuchgängen wieder zu erholen. 20 Minuten sind es bei Uwe Seidel nur noch und daher ist diesmal Michael Holzhauser dran, dessen Zeitkonto noch ein größeres Plus aufweist. Er wird in einem Käfig am Kran über Bord gehievt und steigt dann aus. Sehr bequem für "Holzi", wie ihn sein Tauchanzug ausweist. Der Sprung von der Kante mit der kompletten Verkabelung ginge noch, aber fürs zurückkommen ist der Korb unabdingbar. Vorher haben die Taucher routinemäßig ihre Grundleine an einem schweren Gewicht gesetzt, die der Orientierung zum Mutterschiff dient. Daran gekoppelt ist ein Draht als Nabelschnur zur Orientierung im Radius von zehn Metern um das Tauchobjekt. Die Sicht ist sechs Meter, wie aus dem Lautsprecher der Kabelverbindung zwischen den Atemzügen dringt. Der Boden ist verschlickt und jeder Handgriff macht die Sicht schlechter. "Kannst du nochmals loten", drängt Kai Twest, nun der Gegenmann an der Technik. Ein weiterer Schlauch im Kabelstrang dient der Lotung, mit dem anhand der Wassersäule die Tiefe angezeigt wird. Auf Kommando nimmt der Taucher den Wert an den höchsten Erhebungen über Grund ab und oben trägt ihn jemand in eine Kladde ein. Später muss aber die eingeschränkte Orientierung des Tauchers von den Beobachtungen an Deck ergänzt werden, um die genaue Lage mit einem Profil versehen zu können. Auch Kapitän Ziemer ist nun im Taucherraum anzutreffen und verfolgt die Geräusche und Angaben aus dem Lautsprecher. Es ist dem Taucher deutlich anzumerken, dass die Arbeit in 17 Metern Tiefe kein Spaziergang ist, wenngleich Holzhauser und Seidel finden, dass das Tauchen etwas mehr und das Vermessen dafür weniger sein könnte.

Matthias Hollmichel erfaßt mit
einer Sonde die Wasserströmung.

 


Moderne Schiffe haben kein Ruder.
Feinarbeit am Joystick ist angesagt.

Ein ganzer Berg Ankerkette erregt "Holzis" Aufmerksamkeit. Die kurze Anwandlung von Kapitän Ziemer, sie zu bergen, wird wieder fallen gelassen. Die Kette zerfällt schon heim Anfassen. Doch weil sie sich über den Grund erhebt, wird sie erfaßt und ausgelotet. Manchmal bringen sie dem Wasser- und Schifffahrtsamt auch ein Seezeichen mit, wenn das Hebegewicht des Kranes es zulässt. "Holzi" fragt nochmals nach der Richtung zum zweiten Stein. Er kann schon wieder nichts sehen. Der lange Gegenstand an dem angetauchten zweiten Stein erweist sich als Baumstamm. Kein Torpedo. Dann wieder zurück zum Ersten. Verständigungsprobleme: "Meinst du Grundgewicht oder Stein ?" "Stein, Kantenlänge 1,20 mal 1,20 Meter." "Also doch ein Grundgewicht und kein Stein, fragt Twest zurück, der an Bord seinen Ruf als sehr penibel schon weg hat. "Ein großes Auge in der Mitte und irgendwas geht davon ab - ich weiss nicht genau was, irgendwas Drahtähnliches." "Loten". 16,50 an der Öse. "16,80 Meter, Grund 16,90." langsam formt sich auch für die Zuhörer und Protokollanten an Bord das Bild, das später verzeichnet wird. Doch das eigentliche Rätsel, was die Steine oder Grundgewichte darstellen, läßt sich nicht lösen.

Alle notwendigen Reparaturen
werden im Elektroniklabor erledigt.

Herbert Voß übernimmt die
erarbeiteten Tiefenprofile in
eine Grafik für die Seekarte.

"Es gibt Stellen wie am Kap Arkona, da werden immer wieder neue Grundgewichte als Halterung für die Tonnen versenkt, wenn die Alten sich losgerissen haben. Das gibt auf dem Sonar ein merkwürdig unruhiges Bild. Das kennt man zwar, aber es sammeln sich dann daran neue Gegenstände. Und dann müssen wir doch wieder runter. Der letzte Fund war ein historisches Ruderblatt vor Warnemünde. Ein Zufallsfund in der Alltagsroutine. Seither suchen die Archäologen nach dem passenden Schiff. Aber meist sind es eben doch nur Steine oder Schrott.
küma
 
Ostsee-Anzeiger Insel Rügen, Februar 2000

Mit der Zollpatroullie in Grenzgewässern unterwegs

Mit der Zollpatroullie in Grenzgewässern unterwegs
Wasserzöllner sind keine Hilfspolizisten

Kurz nach acht Uhr im Sassnitzer Westhafen. Hier liegt im alten Russenhafen hinter dem Hotelschiff und dem stillgelegten Fährterminal vieles, was neugierig macht. So läuft gerade ein moderner Schatzsucher aus, der vor der Küste Wrackteile birgt, der Rettungskreuzer Arkona liegt in Dauerbereitschaft und das Zollboot »Rügen«, Bestandteil der Küstenwache, ist klar zum Auslaufen. Ein Gast fehlt noch.

Sassnitz/Rügen · Mir ist etwas beklommen zumute. Denn der Wind legt ziemlich zu und bei sechs Windstärken gibt es wenig Zeit, sich an das typische Schaukeln zu gewöhnen. Freundlich aber bestimmt begrüßt mich der Nautiker Uwe Dorst, in der Zollhierarchie Stationsführer genannt und schiebt mich erstmal auf einen Platz auf der Brücke. Er will los. Heute ist er nicht der Ranghöchste an Bord. Zolloberbetriebsinspektor Hans Socha hat sich meinetwegen die Zeit genommen, außerhalb des Zollkommisariats Seeluft zu schnuppern.

8.08 Uhr. Schon laufen wir aus. Warum nur die Eile? Selbst bin ich zuerst damit beschäftigt, die Lage zu orten und einen Fleck auf der Brücke zu suchen, der den, eingespielten Ablauf nicht stört und meinem Gewöhnungsprozess entgegenkommt. Denn hier hat jeder seinen Platz, wenn auch die Personen immer wieder andere Aufgaben wahrnehmen. Sie sind offensichtlich sehr universell ausgebildet. Hans Socha weiß warum: Niemand auf dem Zollboot ist ohne Schifffahrtspatent. Alle haben in der Seefahrt ihre Sporen verdient, bevor sie zum Zoll gekommen sind. Sei es nun als Fischer oder Handelskapitän. Die Seemannschaft beherrschen alle. Darauf aufbauend erhalten die Anwärter eine zweijährige Fachausbildung für die neue Aufgabe, bevor sie in den gehobenen oder mittleren Dienst gehen.

Mit 17 Knoten Geschwindigkeit schießt die 1992 fertiggestellte »Rügen« förmlich ins Einsatzgebiet. Dieses erstreckt sich heute landseitig von Kap Arkona bis zum Darß. Seeseitig ist die 12-Meilenzone und die Außenwirtschaftszone (AWZ) von Bedeutung. Letztere verläuft in der Ostsee mittig zwischen den Anrainerstaaten. Sonst hat sie 200 Seemeilen. Doch derzeit interessiert bei der diesigen Wetterlage mehr das Radar und ein Wärmesichtgerät. Darauf sind zunehmend deutlicher die Konturen eines Küstenmotorschiffes (Kümo) zu erkennen. Lange, bevor Augen die Suppe durchdringen. Diesem gilt ganz offensichtlich das Interesse des Zolls.

8.45 Uhr. Jetzt erfahre ich auch den Grund der Eile. Der Kiesbagger, um den handelt es sich, soll auf seinen Treibstoff hin kontrolliert werden. Man hat wohl Anlass dazu aus Vorrecherchen gewonnen. Also keine Zufallskontrolle. Das Baggerschiff betreibt Förderanlagen und Pumpen. Diese darf er nicht mit steuerfreiem Treibstoff fahren. Anders die Hauptmaschine zum Antrieb des Schiffes. Also ran an die Tankanlagen und Bücher. Drei Mann und ein Schiffsführer machen sich bereit, mit dem Schwesterschiff »Vitt« den Kiesbagger anzulaufen. Erster Kontakt über Funk. "N., hier ist das Zollboot »Rügen«, wir wollen gerne bei ihnen an Bord kommen." "Warum ?", ist die verblüffte Antwort mit dänischem Akzent. Der Kapitän betont, daß er in spätestens 20 Minuten weg müsse, bevor er sein Einverständnis erteilt. Was übrigens für Zollbeamte nicht zwingend ist. Sie vertreten staatsanwaltliche Aufgaben.


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Zoll, Bundesgrenzschutz, Fischereischutz,
Schifffahrtspolizei und Umweltbehörde
bilden die Küstenwache.

Draußen, am achterlichen überdachten Teil der Brücke, macht sich Uwe Dorst an der Hydraulik für das Tochterboot bereit, während die Männer sich zur Eigensicherung ihre Pistolenhalfter anlegen. Die sieben Meter lange »Vitt« kann nach dem Ausbringen über eine Slipanlage am Heck der »Rügen« völlig eigenständig operieren und hat einen perfekt ausgestatteten Kommandostand. Danach heißt es warten. Dann, nach über einer halben Stunde, knattert Uwe Holzhäuser per Funk von der »Vitt«: "Wir haben was zum ablichten und kommen achtern hoch". Das Tochterboot nähert sich wieder, peilt das heruntergelassene Heck an und fährt am Ende mit Schwung auf den Schlitten. Ein Manöver, das bei bockiger See etwas Probleme bereitet. Motor aus, die Hydraulikzylinder mit den Ösen festgemacht und die Heckklappe zu. Alle steigen aus. Drei Kladden gilt es, schnellstmöglich auszuwerten. Maschinenbücher, Tankbelege und andere technische Unterlagen. Der Kopierer auf der Brücke spuckt eine Ablichtung nach der anderen aus. Da das dänische Schiff mit einem dänischen Kapitän für ein deutsches Unternehmen arbeitet, gilt aus Wettbewerbsgründen deutsches Recht. Und das besagt, dass Arbeiten nicht mit steuerbegünstigtem Kraftstoff ausgeführt werden dürfen. Wie sich herausstellt, existiert aber nur ein Tankbehälter. Der Rest ist Routineermittlung, die Hans Socha sonst mit einem kurzen Vorbericht im Zollkommisariat auf den Tisch bekommt, wie er mir Teile des weiteren Ablaufs erläutert. Der Kapitän wird wohl mit einem Verfahren rechnen müssen. Währenddessen werden die Unterlagen zurückgebracht und wir nehmen nach Aufnahme der Vitt wieder Kurs auf Arkona. Fast zwei Stunden sind vergangen. So lange musste sich der Kapitän gedulden.

10.30 Uhr. Die Rügen passiert das Kap. Auch unter Deck tut sich einiges. Im Vorschiff erzeugt Thorsten Güldenpfennig leckere Gerüche. Er ist an diesem Tag mit dem rotierenden Kombüsendienst dran.Trotz der guten Gerüche hält sich hier kaum einer so lange auf. Denn das Vorschiff ist unter Deck bei weiter zunehmendem Seegang auch für hartgesottene Seeleute unangenehm. »Kochen müssen dennoch alle, unabhängig des Dienstranges", plaudert der Smutje vom Dienst, sicherheitshalber zwischen Anrichte und Herd eingeklemmt. Es soll Geschnetzeltes geben. Alles frisch. "Nur die Kritik am Essen fällt mit steigendem Dienstrang vielleicht gemäßigter aus, legt er nach kurzer Pause nach. Doch noch ist keine Essenszeit und nach der Teepause wende ich mich durch die schmalen Gänge nach achtern, also nach hinten. Dort ist der Befehlsstand für den Leiter der Maschinendienste, Mario Kuhlmay. In einem kleinen, verglasten und gegen den Lärm der drei Maschinen isolierten Raum schaut er von seiner Brücke unter Deck auf die Technik. Hier kochen bei Höchstfahrt dreimal 850 Pferdestärken. Auf dem Thermometer hinter Glas, das sinnigerweise aus einer Sauna stammt, sind 28 Grad angezeigt. "Im Sommer haben wir hier schon mal 45 Grad. Dann fühlt sich das noch anders an," grinst der Maschinenführer über meinen Schweißausbruch. Hinter das Glas gehen wir im Augenblick nicht, denn auf dem Weg zum Einsatzgebiet ist der Lärm aller Maschinen auch mit Gehörschutz unangenehm. Bei Revierfahrt wird dann auf eine Maschine reduziert. Bei dieser läßt sich die Fahrt durch einen Verstellpropeller so regulieren, daß die Drehzahl immer konstant bleibt. Das schont das Gerät. Derweilen passieret die Rügen Dornbusch auf Hiddensee.

12.30 Uhr. Es wird beigedreht und gibt Essen in zwei Schichten. Übrigens aus der eigenen Tasche bezahlt, wie Socha gleich klarstellt. Von wegen Steuerzahler und so. Wieder auf die Brücke zurückgekehrt herrscht Ruhe. Die Alltagsgespräche sind verstummt. Man macht seine Handgriffe oder Papierkram. "Nichts ist so schwer, wie ganz normale Routine auf eine Zwölfstundenschicht zu verteilen. Und Action ist in den seltensten Fällen", fängt Hans Socha das Gespräch wieder an. Unter Deck hatte mir Steffen Spieß vorher verraten, daß er deshalb auch den Sommerdienst lieber macht. Da gibt es bei den Seglern immer wieder Gelegenheit, hilfreich zu sein. Das durchbricht die Routine.


Mit wenigen Handgriffen ist das
Tochterboot »Vitt« zu Wasser gelassen.


Fertigmachen zum Eindocken.

Routine ist auch die Übung an der Waffe. Einmal im Monat wird am Gewehr (G 8) von Bord oder mit den Handfeuerwaffen auf dem Schießstand geübt. Für die Eigensicherung. Die Bewaffnung mit einem Gewehr auf der Lafette des Vorschiffs wurde in den siebziger Jahren zum Standard, als Fischereikonflikte mit den holländischen Nachbarn so eskalierten, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam. Eine »Sig Sauer P 6« trägt jeder am Gürtel, wenn es, wie vormittags, zum Dienstgang geht. Doch mit Bleiwesten und gezogener Waffe zur Eigensicherung kann sich das niemand vorstellen. Auch wenn immer wieder tödliche Vorfälle mit Grenzern dies nahelegen würde. Hans Socha weiss, wovon er spricht. Während der Schleyer - Entführung war er beteiligt, alle Schiffe auf der Ostsee nach eem Entführten zu durchsuchen. "Da mußte die Besatzung in den Salon und die Kinder schrien, weil einer mit der Maschinenpistole im Anschlag stand. Das ist unmenschlich und verschreckt die Leute. Auch wenn es Vorschrift ist."

15.00 Uhr. Uwe Holzhäuser hat gewendet und der Funkverkehr zugenommen. Drei verschiedene Kanäle plärren parallel auf der Brücke. Zwei Schnellboote der Marine passieren und der Kommondant fragt per Funk an, ob sie stören würden. Was an Bord allgemeine Verwunderung auslöst, denn sonst macht die marine, was sie will. In der Tromper Wiek stoppt die »Rügen« nochmals, um die »Vitt« auszusetzen. Während meiner Abwesenheit baut jemand das G 8 aufs Stativ, das irgendwo unter Deck lagert. Versehen mit einer hochsensiblen Alarmanlage. Man wollte wohl nicht, dass ich das Versteck sehe. Dann geht es zurück. Verfrüht, wie die Besatzung feststellt. Sie wäre lieber noch draußen geblieben, auch wenn das Wetter weiter schlechter wird. Denn, so sind sich alle einig: "Nichts schlimmer, als im Hafen mit Wartungsarbeiten die Zeit totschlagen."
küma
 
Ostsee-Anzeiger Insel Rügen, 18.02.2000

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